Der Milliardär scheut bei dem Umbau keine Kosten. Laut dem Bewertungsportal Glassdoor verdient ein Softwareentwickler bei der "Washington Post" durchschnittlich 78.000 Dollar im Jahr, während ein Reporter auf 52.000 Dollar kommt. Das zeigt auch den internen Stellenwert der Softwareentwickler. "Als Ingenieur ist Amazon ein Mekka für uns", sagte der IT-Leiter der "Post", Shailesh Prakash, der "Financial Times". "Wir müssen nicht um Journalisten kämpfen. Ich muss beweisen, dass wir kein Zeitungsunternehmen mehr sind, sondern ein kleines, aber feines, innovatives Technikunternehmen, das Dinge aufbaut, anstatt sie nur zu managen und zu kaufen." Das sind gänzlich neue Töne des Medienimperiums, das auf eine so stolze Reportertradition zurückblickt. Die "Washington Post" will also keine Zeitung mehr sein.

Kein Eingriff in die Linie


Bereits jeder dritte Zugriff erfolgt über Smartphones. Die steigenden Traffic-Zahlen bei mobilen Apps gereichen dem Management als Beleg dafür, dass die Digitalstrategie funktioniert. Gleichwohl: Facebook-Mitbegründer Chris Hughes ist mit seinem Versuch, das linksliberale Magazin "The New Republic" in ein "digitales Unternehmen" auszubauen, auf ganzer Linie gescheitert - fast die gesamte Redaktion reichte die Kündigung ein.

Wie kommt die neue Strategie bei der "Post" an? Für eine Stellungnahme war trotz mehrfacher Nachfrage kein Redakteur zu erreichen. Technik-Journalist Rob Pegoraro, der 2011 nach 17 Jahren die "Washington Post" verließ, sagt im Gespräch mit der "WZ": "Ich weiß von meinen alten Kollegen, dass sie stolz darauf sind, die ,New York Times‘ so oft wie möglich zu schlagen." Hoffnungen auf einen Wandel durch Bezos wurden allerdings enttäuscht. "In der Redaktion hat sich wenig geändert", sagt der Insider. "Es gibt nach wie vor eine starke neokonservative Strömung mit zweifelhaftem Blick auf Fakten", so Pegoraro. Das spricht wiederum für Jeff Bezos, der offensichtlich keinen Einfluss auf die Blattlinie nimmt.

2013 erschien auf Deutsch Brad Stones Biografie über Jeff Bezos unter dem Titel: "Der Allesverkäufer: Jeff Bezos und das Imperium von Amazon". Es trifft die Denkungsart des Amazon-Gründers ganz gut. Jeff Bezos verkauft alles: von der Zeitung bis zur Software. Aber auch andere Milliardäre haben das Mediengeschäft für sich entdeckt: Der mexikanische Multimilliardär Carlos Slim steigt zum größten Aktionär der "New York Times" auf. Er verdoppelte seinen Anteil an dem Medienkonzern auf 16,8 Prozent. Diese sind 341 Millionen Dollar wert.