Georg Büchner - "Leonce und Lena" - Oskar Werner. Eine Jahrhundertkombination. Wegen Büchner. Wegen Werner. Wegen "Leonce und Lena". Hier passt alles. Oskar Werner in einer anderen Büchner-Rolle als jener des träumerischen melancholischen Prinzen Leonce? Als "Woyzeck" würde ihm die dumpf duldene Seite fehlen. Er wäre vielleicht ein interessanter hypernervöser Danton gewesen mit vor Fanatismus glühendem Gesicht - aber ganz hätte das wohl auch nicht gepasst. Den Saint-Just in "Dantons Tod" hat er allerdings in Zürich tatsächlich gespielt in der Regie von Oskar Wälterlin. Saint-Justs hetzerische Rede ist da wohl zum Zentrum des Dramas geworden. Oskar Werner den "Lenz" lesend - man stelle sich allein den Anfang vor: "Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war naßkalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg" mit dieser Brüchigkeit in Melodie verwandelnden Stimme! Ja, das wäre es gewesen. Oder als Büchner selbst in einer Filmbiografie über den Autor, Arzt und revolutionären Denker, der 1837 in Zürich mit gerade einmal 23 Jahren an Typhus starb.

Virtuoses Spiel mit dem Sprachklang


Die Hörspielversion von "Leonce und Lena" aus dem Jahr 1958 hat den Rang einer Legende. Das Drama wurde auf knapp über eine Stunde Spieldauer gekürzt, die Fassung betont die Absurdität - das Theater des Absurden stand ja gerade in Hochblüte, und man suchte allenthalben nach Vorläufern und Verbündeten; in Büchner glaubte man einen gefunden zu haben - zu Recht, wenn man es rein literarisch betrachtet, obwohl es dem Autor wahrscheinlich mehr um den beißenden Spott über die Langeweile, die Hohlheit des Adels und die geistige Enge der Kleinstaaterei gegangen sein mag. Gert Westphal führte Regie.

Georg Büchner, der Feuerkopf unter den deutschsprachigen Autoren. - © Bild: wikipedia
Georg Büchner, der Feuerkopf unter den deutschsprachigen Autoren. - © Bild: wikipedia

Es ist eine Sternstunde des Hörspiels: Mitunter scheinen Oskar Werner und Werner Krauß (als Valerio) den Text zu durcheilen, als wären sie auf einer Leseprobe (hie und da sprechen sie sogar die Regieanweisungen mit) - das wirkt improvisiert, hochartifiziell und virtuos zugleich. Die gesprochene Sprache, das Spiel mit der Färbung von Konsonanten und Vokalen steht im Mittelpunkt. Oskar Werner lässt Zynismus in Sensibilität übergehen und Sensibilität in Zynismus. Ist der Weltschmerz dieses Prinzen echt oder eine bloße weinerliche Pose? Ein Hauch von Hamlet scheint diesen Leonce zu umwehen.

Krauß wiederum - nein, ganz ehrlich: Man nimmt ihm nicht alles ab. Doch das mag Absicht sein. Valerio - der große Arrangeur, der Fädenzieher im Verborgenen, der die Narrenkappe zur Tarnung trägt. Alles ist Rolle, die eine besser gespielt, die andere weniger gut. Der Schauspieler als Schauspieler. 63 Minuten über die Langeweile, die kurzweiliger nicht sein könnten.

Leonce und Lena
Von Georg Büchner. Hörspielfassung. Zu hören in der Hörspiel-Galerie (14. Februar, 14 Uhr, Ö 1). Mit
Oskar Werner, Werner Krauß und Alma Seidler (1958).