• vom 19.03.2015, 18:04 Uhr

Medien

Update: 19.03.2015, 18:05 Uhr

Satire

Die Wahrheit kann uns mal




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Von Christina Böck

  • Einem deutschen Satire-Magazin gelang der wahrscheinlich genialste PR-Coup der TV-Geschichte.

Ist das wirklich ein erhobener Zeigefinger? Unserer Gesellschaft fehlt die gesunde Skepsis.

Ist das wirklich ein erhobener Zeigefinger? Unserer Gesellschaft fehlt die gesunde Skepsis.© Gary Salter/Corbis Ist das wirklich ein erhobener Zeigefinger? Unserer Gesellschaft fehlt die gesunde Skepsis.© Gary Salter/Corbis

Es gibt im Internet ein Foto vom Haus, in dem George Orwell gewohnt hat. George Orwell, genau, das ist der von "1984". "Big Brother is watching you" und so. Auf dem besagten Foto ist genau über der Tür des Hauses in der Portobello Road eine Überwachungskamera zu sehen. Das ist natürlich ein fabelhafter Zufall und eine bittere Ironie der Geschichte - wenn es denn wahr wäre. Denn dieses Foto ist gefälscht. Die Überwachungskamera ist nicht von der Londoner Stadtregierung, sondern mit Photoshop auf George Orwells Haus montiert worden.

Nichtsdestotrotz wird dieses Bild immer noch gern im Internet geteilt. Die Geschichte ist einfach zu gut, die Wahrheit stinkt dagegen gewaltig ab. Und apropos stinken: Ein Stinkefinger hat eine deutsche Satireshow nun dazu inspiriert, dieses Spiel mit der Fälschung, das im Netz aus den verschiedensten Intentionen - vom reinen Gag über die künstlerische Verfremdung bis zur politischen Manipulation - gespielt wird, auf eine geniale Spitze zu treiben.

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Bekenner-Video
Aber zurück zum Anfang: Der Anfang war eine Talkshow, moderiert von Günter Jauch, einem der größten deutschen TV-Stars. Bei ihm war am Sonntag der griechische Finanzminister als Gast zugeschaltet. Als besonderen Coup konfrontierte Jauch den Politiker mit einem Video, in dem Yanis Varoufakis sagt, Griechenland hätte 2010 aus dem Euro austreten sollen, "und dann hätte man Deutschland den Mittelfinger zeigen sollen" - was Varoufakis mit der entsprechenden Geste unterstreicht. Der Grieche sagte Jauch auf Sendung, dass das Video gefälscht sei, er habe nie den Mittelfinger gereckt. Eine öffentliche Debatte in Deutschland war die Folge, die vor allem von der "Bild"-Zeitung in eine bestimmte Richtung getrieben wurde: Das Boulevardblatt, das schon seit ein paar Wochen nicht gerade zimperlich bei der Berichterstattung über die Griechenkrise ist, fügte ihrem Vokabular nach den "Pleite-Griechen" nun den "Lügen-Griechen" hinzu.

Mittwoch abend dann einmal eine wirklich überraschende Wende: Der ZDF-Moderator Jan Böhmermann veröffentlichte ein "Bekenner-Video", in dem er behauptete, die Redaktion seines "Neo Magazin Royale" habe das Stinkefinger-Video gefälscht und die Redaktion der Jauch-Talkshow sei darauf hereingefallen. Es stamme aus einem Musikvideo, das das "Neo Magazin" bereits vor Wochen ins Netz gestellt habe: In "V for Varoufakis" wird der griechische Minister ("Minister of Awesome") als Rächer, der die Deutschen das Fürchten lehrt, gezeichnet. Dafür habe man neckisches Material gebraucht, wie einen ausgestreckten Mittelfinger. Den habe ein Handmodel geboten. Und, so Böhmermann, sei es denn niemandem komisch vorgekommen, dass Varoufakis ausgerechnet bei einem Festival, das "subversiv" im Namen trägt, gesprochen habe? Das Video schlüsselt minutiös und eigentlich ziemlich nachvollziehbar auf, wie dieser gigantische Streich ausgeführt worden sei. Eine beispiellose Aufregung in den sozialen Medien war die Folge. Sie stolperte von der unreflektierten Anerkennung dieser ausgetüftelten Büberei in eine fundamentale Verwirrung: Ist das wirklich die Wahrheit? Oder ist das nur eine besonders gut gefälschte Variante der Wahrheit?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-19 16:29:05
Letzte Änderung am 2015-03-19 18:05:37


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