Wien. Eine Totenrede auf den klassischen Journalismus hat der bekannte Medien-Blogger Richard Gutjahr bei den 2. Österreichischen Journalismustagen gehalten. Und dabei wollten die Veranstalter dieses Journalistenkongresses eigentlich nicht in das übliche Gejammere einstimmen. Gutjahr durchkreuzte solche Pläne freilich mit Aussagen wie "wir Journalisten müssen erst sterben, um zu leben".

Gutjahr gab sich "ratloser denn je". Er habe gedacht, dass klassische Medien mit digitalen Angeboten irgendwann Geld verdienen würden. Inzwischen habe er den Glauben daran aber verloren. "Wir haben es mit einem Tsunami zu tun, aber das Wasser geht nicht zurück. Es ist eher eine Sintflut. Wir sitzen alle im selben Boot, egal ob klassisch oder digital. Wir sind eine Generation von Journalisten, die entweder zu früh oder zu spät geboren wurde. Es ist eine lausige und schwierige Zeit für Journalismus. 'Die Hard' für Medienschaffende." Die Ausdünnung der Redaktionen sei keine nur vorrübergehende Phase. "Wir sterben alle einen viel längeren und grausameren Tod, als wir geglaubt hätten. Manche haben es noch nicht kapiert und verschanzen sich in ihren öffentlich-rechtlichen Rettungsbooten oder hinter ihren Paywalls", meinte Gutjahr.


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Blog von Richard Gutjahr 
Österreichische Journalismustage
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"Wir machen uns was vor"

Journalismus sei nicht mehr das "letzte Bollwerk für Orientierung und Wertevermittlung - ich glaube, wir machen uns was vor". Für Orientierung sorgten heute vor allem Internet-Konzerne wie Google und Facebook. Journalisten würden daneben immer mehr zu "Content-Sklaven" verkommen. "Und wir haben es uns lauschig gemacht. Wir googeln und behaupten, das sei Recherche und Journalismus. Aber googeln können auch unsere Leser, manche sogar besser. Die Leser zeigen uns immer öfter unsere eigene Unzulänglichkeit. Die Gatekeeper-Funktion wurde uns aus unseren Händen gerissen. Vermarktung und Produkt funktionieren nicht mehr, und wir haben noch keine Lösung gefunden." Gutjahr, der auch als Journalist beim Bayerischen Rundfunk arbeitet, würde heute nicht noch einmal in den Journalismus gehen, sondern ein Start-up gründen. "Das ist nicht unser Zeitalter, aber wir Journalisten sind wie Unkraut, wir sind so was wie Zombies, wir werden wiederkommen."

Gutjahrs Abgesang auf den Journalismus blieb im Wiener Museumsquartier nicht unwidersprochen. Florian Stambula von NZZ.at wies ebenso wie die Vice-Journalistin Hanna Herbst auf neue innovative Digital-Plattformen hin, die sehr wohl Leserzuspruch finden würden. "Wir machen nicht klassischen Journalismus. Wir gehen es anders an. Aber darum werden wir auch anders wahrgenommen", meinte etwa Herbst. Untergangsprophet Gutjahr ließ sich davon freilich nicht aus der Depression holen. "Wenn ich heute noch mal anfangen müsste, würde ich nicht zur 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' gehen, sondern zu Vice oder Buzzfeed. Aber ist das noch Journalismus?"