Dietmar Hollenstein
Dietmar Hollenstein

"Wiener Zeitung": Wo liegt die größte Gefahr für unabhängigen Journalismus?

Frank LaRue:Da gibt es nicht nur eine Gefahr: physische Gewalt bis hin zum Mord, prekäre Arbeitsverhältnisse, wirtschaftliche Abhängigkeit. Die beiden Letzteren haben teils mit der Etablierung neuer Technologien zu tun. Diese Entwicklungen lassen sich nicht zurückdrehen, deshalb müssen wir lernen, mit den neuen Technologien zu leben. Die Zerstörung von Maschinen durch Arbeiter war schon im 19. Jahrhundert kein erfolgreiches Konzept im Umgang mit technischem Fortschritt. Wir müssen die neuen Möglichkeiten positiv nutzen, tatsächlich hat ja das Internet den Zugang zu Information und die Möglichkeit freier Meinungsäußerung enorm verbessert.

Sind die Menschen heute also besser informiert?

Nein, das habe ich nicht gesagt. Die Menschen werden mit mehr Information versorgt, besser informiert sind sie deshalb nicht. Jede technologische Innovation hat bisher zu einem Sprung nach vorne geführt. Das Internet ist heute die wichtigste Technologie - nicht nur für die Freiheit der Presse und das Recht auf freie Meinungsäußerung, sondern auch für den Zugang zu Informationen, für Wissenschaft und Forschung oder die Darstellung kultureller Diversität. Aber das Internet hat auch Schattenseiten. Es entzieht sich Kontrolle und Regulierung; das heißt, dass es auch keine inhaltliche Qualitätskontrolle gibt. Jeder kann frei seine Meinung äußern. Ich halte das für eine gute Sache, wir müssen uns nur klar darüber sein, dass es keine Qualitätskontrollen gibt.

Was folgt daraus?

Es wird eine entscheidende Herausforderung für Gesellschaft und Staat werden, ein Gefühl für die Qualität von Nachrichten und Informationen bei Kindern und Jugendlichen in der Schule zu entwickeln. Dazu gehört auch der Umgang mit diesen Technologien - Stichwort Cyber-Bullying.

Im deutschen Sprachraum hat das Schlagwort von der "Lügenpresse" Konjunktur. Etliche Menschen haben das Gefühl, dass Medien und Politik unter einer Decke stecken, dass sie "von denen da oben" belogen werden. Woher kommt diese Entfremdung zwischen Medien und ihren Kunden, den Bürgern?

Das ist nicht nur hier ein Thema. Das zentrale Problem liegt in der Konzentration von Medienmacht. Einst war es eine Berufung, Journalist zu werden, heute ist es ein Beruf. Und die Medien waren zuallererst ein Bekenntnis und erst dann ein Geschäftsmodell. Ich behaupte nicht, dass es schlecht ist, wenn Medien auch einen kommerziellen Aspekt haben, erst das ermöglicht ihre nachhaltige Produktion. Aber es gab früher ein Gleichgewicht zwischen dem Berufsstolz eines Journalisten, der die Gesellschaft mit Informationen versorgt, und den wirtschaftlichen Aspekten. Journalismus ist für mich eine soziale Dienstleistung, nicht nur eine öffentliche, weil er die Grundlage unserer Demokratie ist.

Wie soll sichergestellt werden, dass unabhängiger Journalismus diese Rolle auch weiter erfüllen kann?

Es geht nicht darum, dass Medien kommerzielle Produkte sind. Das Problem begann mit der Etablierung von Monopolen, oder, um es drastisch zu formulieren, mit dem Aufkommen von Rupert Murdoch und Angel Gonzalez (ein Medienmogul in Lateinamerika; Anm.), die über riesige Kommunikationsimperien verfügen und so auch die Politik beeinflussen. Wenn wirtschaftliche Aspekte den Journalismus dominieren, führt das zwangsläufig zur Boulevardisierung der Medien. Wenn Medien jedoch zu Instrumenten in den Händen von Regierungen oder Unternehmen werden, dann dienen sie nicht länger ihrem eigentlichen Zweck: der Suche nach Wahrheit und der Information der Bürger. Die Wahrheit ist nämlich nichts, das man besitzt, man muss sie suchen. Wahrheit ist ein Prozess, in dem man immer tiefer und tiefer graben muss. Wenn dieser Drang verloren geht, regieren Sex und Crime oder eben Propaganda die Schlagzeilen. Das ist das Problem, vor dem Journalismus heute steht, und es hat nichts mit dem Internet zu tun.

In Österreich hängen die meisten Medien am Tropf von Inseraten der öffentlichen Hand. Was bedeutet eine solche Konstellation für die Unabhängigkeit der Presse?

In Österreich herrscht jetzt Frieden und der Staat meint es hoffentlich gut mit seinen Bürgern. Nur: Das kann sich ändern. Ich hoffe das nicht, aber es kann passieren. Öffentliche Inserate machen nicht nur in Österreich einen wachsenden Anteil der Einnahmen unabhängiger Medien aus. Das Problem ist: Es ist nur zu menschlich, dass Regierungen jene Medien mit mehr Anzeigen versorgen, die freundlich über sie berichten, und alle jene zu bestrafen, die besonders kritisch sind.

Was könnte ein Weg aus diesem Dilemma sein?

Alle traditionellen Medien befinden sich in einer Phase der Ungewissheit. Davon sind momentan die Printmedien besonders betroffen, als Nächste werden TV und Radio an der Reihe sein. Die Medien - und zuallererst die Zeitungen - müssen ein neues Wirtschaftsmodell entwickeln. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die gedruckte Zeitung nie ganz verschwinden wird. Der Reiz gedruckter Medien liegt in ihrer haptischen Qualität; das war beim Buch so und wird auch bei Zeitungen so sein.