Berlin. (bau) Fast 60 Jahre lang verlegte die Londoner Pearson- Gruppe die "Financial Times". Doch nun wird sich der Londoner Verlagsmulti von einem wichtigen seiner drei Standbeine trennen: Die Financial Times Gruppe wird an den japanischen Medienkonzern Nikkei verkauft. Denn Insidern zufolge sieht der britische Konzern seine Zukunft ausschließlich als Buchverlag im Bildungssektor. Bereits jetzt ist Pearson Weltmarktführer bei Lehrbüchern. Unter anderem gehört auch der bekannte Verlag "Penguin Books" zur Gruppe.

Über den Käufer der "FT" war an Donnerstag lange spekuliert worden. Das Rennen, aus dem die Japaner siegreich hervorgingen, sei sehr knapp gewesen, hieß es - denn bis Mittwoch seien noch insgesamt drei Bieter im Rennen gewesen. Immer wieder wurde dabei auch der deutsche Medienkonzern Axel Springer ("Bild", "Welt") als potenzieller Käufer gehandelt. Auch die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Thomson Reuters gelten als Interessenten.

Die "Nihon Keizai Shimbun" - übersetzt "Japanische Wirtschaftszeitung", meist zu Nikkei abgekürzt, ist eine landesweit und in einer internationalen Ausgabe erscheinende japanische Tageszeitung mit einer Auflage von rund drei Millionen. Sie ist die viertgrößte japanische Zeitung und eher im hochqualitativen Segment angesiedelt. Sie ist vor allem bei Gutverdienern und Uniabsolventen beliebt, ihr Schwerpunkt liegt auf Politik, Wirtschafts- und Börsennachrichten.

Früheren Medienberichten zufolge wäre das "FT"-Geschäft bis zu 1,4 Milliarden Euro wert gewesen. Nikkei soll für 844 Millionen Pfund zugeschlagen haben - das sind etwa 1,2 Milliarden Euro. Die "Financial Times" verkauft nach eigenen Angaben täglich 720.000 Print- und Digitalexemplare. Bereits 2012 überholte die digitale Blattversion die Printauflage. So wie viele Medien hat auch die "FT" mit Reichweitenverlusten zu kämpfen.

Was will Nikkei also mit der "FT" ist die Frage, die daher am Donnerstag die Medienbranche beschäftigt. Ein Engagement etwa von Springer hätte wahrlich überrascht. Immerhin hatte Springer in den vergangenen Jahren sein Interesse an klassischen Medien zugunsten digitaler Produkte zurückgefahren.

Publizistische Bastion

Möglicherweise ist Nikkei auch weniger an dem rosa Traditionsblatt interessiert, sondern eher an der starken Marke "Financial Times". Doch noch etwas kommt dazu: In der FT-Gruppe hat Pearson noch einen echten Diamanten geparkt - über sie hält sie einen Anteil von 50 Prozent an dem Verlag des Wochenmagazins "The Economist" sowie an der FTSE Group, jenem Unternehmen das die Londoner Aktienindices ermittelt. Das passt hervorragend zu Nikkei, ermittelt das Unternehmen doch mit den "Nikkei"-Indices die gängigen japanischen Aktienindices.

In Summe ermöglicht das Package "FT", "Economist" und "FTSE 100" eine machtvolle Stellung in der europäischen Wirschaftspublizistik. Gut möglich, dass Nikkei diese digitalen Dienste bündeln wird. In diesem Lichte ist auch das kolportierte starke Interesse von Bloomberg an diesem Paket verständlich.

Der Kauf der "FT" untermauert die Strategie Nikkeis der vergangenen Jahren, die auf eine stärkere internationale Präsenz abzielt. 2014 eröffnete Nikkei eine neue Asienzentrale in Bangkok und verfügt heute über ein Netzwerk von 36 internationalen Büros mit 230 Mitarbeitern. Die Europazentrale befindet sich praktischerweise in London.