• vom 31.07.2015, 17:54 Uhr

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Spielen mit Augenzwinkern




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Von Matthias Greuling

  • Computerspiele im Umbruch: Retro mit Pacman und Co. liegt im Trend, neue Technologien eröffnen semi-virtuelle Welten.

Pacman ist sauer. Müsste er gar nicht, denn Retrospiele sind nach wie vor beliebt. Mittels Software-Emulator kann man sie sich aufs Smartphone holen. (Foto aus "Pixels") - © Sony

Pacman ist sauer. Müsste er gar nicht, denn Retrospiele sind nach wie vor beliebt. Mittels Software-Emulator kann man sie sich aufs Smartphone holen. (Foto aus "Pixels") © Sony

Egal ob man Martin, Alexander oder Kevin heißt, ob man vor 45, 35 oder 25 Jahren geboren wurde oder ob man in Wien, Vorarlberg oder Kärnten groß geworden ist: Retro-Games kennt wohl so ziemlich jeder in diesen Altersklassen. Und natürlich jede: Die ganze These funktioniert nämlich auch gegendert, also wenn man Martin durch Manuela ersetzt und so fort. Die Rede ist vom Computerspiel, das mittlerweile alt genug ist, um generationenübergreifend zu wirken, und das sich bei den meisten bereits in der Kindheit als Ort der Fantasie, aber auch des Eskapismus manifestiert hat; manche kamen tagelang nicht mehr aus ihren Kinderzimmern, andere entzogen sich der Kontrolle der Eltern durch einen exzessiven Tetris-Klogang.

Die Spiele von damals waren im Vergleich zu heutigen, teuer entwickelten Games geradezu putzig, was Gameplay, aber auch Grafik und Handling betraf. Bei Game Boy, NES und Sega Mega Drive reichten noch ein Steuerkreuz und zwei Tasten, um Super Mario und Co. durch pixelige Landschaften zu jagen.


Doch Mitte der 90er Jahre kamen Sonys Play Station und Microsofts XBox, und vorbei war es mit der schönen Einfachheit: Die Spiele wurden so komplex, dass man sein halbes Leben damit zubringen musste, sie zu beherrschen. Die Spielanleitungen hatten oft mehrere hundert Seiten. An diesem Punkt sind viele Gamer ausgestiegen, darunter auch der Autor. Die Controller hatten plötzlich gefühlte 50 Knöpfe statt der bisherigen drei. Wie sollen die Finger das alles zeitgleich kontrollieren können?

Die Überforderung ließ viele Fans alter Spiele schnell in
Nostalgie schwelgen: Wie simpel und zugleich spaßig waren die alten 8-Bit-Titel doch, die über den Atari oder den C64 flimmerten? Die raubkopierten Floppy-Disks mit Wing Commander, Monkey Island, Leisure Suit Larry, Sim City oder Civilisation?

Der Erfolg neuerer Spielehits wie das eben neu aufgelegte "Angry Birds" (mit Vögeln auf Schweine schießen) oder auch "Candy Crush Saga" (mit bunten Steinchen Ketten bilden) bildet diesen Trend zur Einfachheit am einen Ende des Spektrums gut ab. Nicht viel nachdenken, und das bei ansprechender Grafik. Kurze Episoden spielen, am besten zwischen dem Warten auf den Bus und dem Einsteigen in denselben. Ein Zelebrieren der Einfalt.

Ikonen der Popkultur
Wenn im Kinofilm "Pixels" (derzeit im Kino) die alten Videospiele-Helden wie Pacman zu neuem Leben erwachen, dann zeigt das anschaulich, zu welchen Ikonen der Popkultur sie geworden sind. Und auch, dass die Spieleindustrie Hollywood längst abgehängt hat, zumindest bei den nackten Zahlen: Allein in den USA generierten die Spieleentwickler im Vorjahr 22,4 Milliarden Dollar an Umsatz, die US-Filmindustrie mit knapp elf Milliarden gerade einmal die Hälfte. Spielen ist, das zeigt eine Erhebung der "Entertainment Software Association" längst kein Phänomen der Jugend mehr: Der durchschnittliche US-Spieler ist 35 Jahre alt (bei den Frauen: 43), 74 Prozent sind 18 Jahre oder älter. Das dürfte auch daran liegen, dass die meisten Menschen unter 50 zur ersten Generation zählten, die mit Videogames auf- und auch mitgewachsen ist. Die meisten spielen heute noch in irgendeiner Form.

Fünf-Gang-Menü
Das liegt vor allem daran, dass Games beim Spieler hochemotionale Erfahrungen hinterlassen, und das ist auch ein Grund, weshalb man sich an der schlechten Grafik oder dem piepsenden Sound der Retro-Games kaum stößt; Die Klötzchen am Bildschirm, die Super Mario oder Donkey Kong hießen, ließen mit ihren großen Pixeln noch genug Eigenfantasie zu, sie detailreich selbst fein zu zeichnen. Weil Videogames anders als Filme und Bücher zu einem aktiven Handeln zwingen, prägten sich die Momente des kindlichen Spielens nachhaltig in das Erinnerungsvermögen ein. Diese Interaktion ermöglicht es auch, zum Spielvergnügen auch das soziokulturelle Umfeld im Kontext mit abzuspeichern: Man weiß heute noch, wie das Gefühl war, als man den Game Boy das erste Mal anmachte, welches Spiel drin lag, welche Musik in den Charts lief und auf welches Mädchen man stand.

Gamer ist aber nicht gleich Gamer: Man muss an diesem Punkt zwischen zwei Typen unterscheiden: Die, die Videospiele zum Zeitvertreib und zwischendurch quasi als Imbiss konsumieren, und die, die daraus ein fünfgängiges Festmahl zelebrieren. Letztere sind die Hardcore-Gamer, die man mit Retro-Games wohl kaum locken kann. Die Zahlen zeigen auch: Actiongames und Shooter machen mit zusammen knapp 50 Prozent den Löwenanteil am Videospielemarkt aus, die alten Arcade-Games gerade einmal 0,1 Prozent (was daran liegen mag, dass diese Spiele oft kostenlos sind und sich via Software-Emulator auch auf neueren PC-Systemen und Smartphones spielen lassen).

Doch die Industrie spielt ohnehin schon im nächsthöheren Level: Es geht um Anwendungen mit der Technologie von Augmented Reality (AR), einer computerunterstützten Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Zwei Beispiele: Bei Fußballspielen gibt es schon heute die Einblendungen von Entfernungen bei Freistößen, bei Smartphones die Möglichkeit, den nächsten Supermarkt oder die nächste Tankstelle mitsamt Wegbeschreibung angezeigt zu bekommen. Die eingeblendete Zusatzinformationen, sobald man seinen (Smartphone-)Blick auf etwas richtet, nennt man dabei die erweiterte Realität.

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