Klassisch "Golden Girls": Sophia muss von Unfug abgehalten werden, Dorothy verzieht das Gesicht, Blanche hat wohl gerade einen Witwer ausgemacht und Rose versteht irgendetwas nicht. - © Everett Collection
Klassisch "Golden Girls": Sophia muss von Unfug abgehalten werden, Dorothy verzieht das Gesicht, Blanche hat wohl gerade einen Witwer ausgemacht und Rose versteht irgendetwas nicht. - © Everett Collection

"Wie lang dauert diese Geschichte? Ich bin 80, ich muss mir die Zeit einteilen!", würde Sophia Petrillo sagen. Sie würde wohl nicht viel halten vom neuerdings so beliebten Trend zum Geriatrie-Hipster. Zu Beginn dieses Jahres entschied sich etwa das angesagte Modelabel Céline dafür, die makellosen Models gegen ein Charaktergesicht mit Falten einzutauschen. US-Schriftstellerin Joan Didion blickte streng-gelangweilt durch eine Sonnenbrille der französischen Marke. Hippe Menschen waren begeistert von der Grauhaar-Coolness. So ungefähr zwei Wochen lang. Dann war der PR-Stunt wieder vergessen und man konnte zum Alltag übergehen - also den makellosen Models.

Seit ein paar Jahren bedient sich die Modeindustrie in unregelmäßigen Abständen des 50plus-Personals (des Effekts wegen meist eher 80plus), kurzfristig wird ausgerufen, dass nun auch diese Zielgruppe werberelevant wird, dann ist schnell wieder alles vergessen und alte Menschen sind in Unterhaltung und Lifestyle so unsichtbar wie eh und je.

Im Fernsehen war das nicht immer so. In den 80er Jahren, jener Zeit, als auch ein "Musikantenstadl" noch viele Strumpfgürtelmeter weit entfernt war von verordneter Verjüngung, gab es gar eine Serie, in der tatsächlich alle Hauptfiguren alt waren. Inklusive Hörgerät-Witze und, noch politisch unkorrekter: Töchter, die ihren Müttern Spiegel unter die Nase halten, um zu kontrollieren, ob sie noch atmen. Blättert man heute durch ein TV-Programm und findet da durchwegs Sitcoms über Mittzwanziger ("Big Bang Theory") bis höchstens Mittdreißiger ("How I met your Mother"), merkt man erst, wie außerordentlich revolutionär die "Golden Girls" waren. Heute werden solcherart besetzte Serien nicht nur nicht produziert, heute werden Sendungen sogar eingestellt, weil sie zu viele betagte Zuseher haben. Das passierte der Anwaltsserie "Harry’s Law". Sie war zwar die zweiterfolgreichste des Senders NBC, aber zu viele Zuseher überstiegen das Zielgruppenalter "bis 49" - und nur das ist ausschlaggebend für die Werbung.

Käsekuchen-Meeting in Lego. - © Ideas Lego/Lostsleep
Käsekuchen-Meeting in Lego. - © Ideas Lego/Lostsleep

Nymphomanisch und doof


In dieser Woche feiern die "Golden Girls" ihr 30-Jahr-Jubiläum. Die wenigsten in den 80er Jahren fernsehsozialisierten Menschen kennen sie nicht, diese Comedyserie um die vier älteren Damen, die in einer WG in Miami ihren turbulenten Lebensabend verbringen. Da ist Blanche (Rue McClanahan), die alternde Südstaatenschönheit mit dem erhöhten Flirtaufkommen. Da ist Rose (Betty White), der fabelhaft doofe Ex-Dorftrampel aus Minnesota. Da ist Dorothy (Bea Arthur), ein Baum von einer Frau und die wahrscheinlich sarkastischste Seniorin der Fernsehgeschichte, und ihre winzige Mutter Sophia (Estelle Getty), sizilianische Königin der Spitzzüngigkeit. Die Serie war ein voller Erfolg, der sieben Staffeln lang anhielt. Einer ihrer größten Fans war die Queen Mum, sie lud die vier zu einer Bühnengala nach London und wurde dort beobachtet, wie sie bei einem (durchgeschmuggelten) dreckigen Witz wohlig kicherte.

Die "Golden Girls" waren erfolgreich, weil sie einem älteren Publikum Mut machten, oder wie Betty White es formulierte: "Man sah, dass man nicht ab dem 40. Geburtstag auf Selbstzerstörungsmodus schalten musste." Aber natürlich waren die "Golden Girls" auch erfolgreich, weil sie ein Leben führten, mit dem sich auch die Jüngeren identifizieren konnten. Denn das Leben dieser Ladys bestand zu einem großen Teil aus Männerbekanntschaften und den Folgen: nächtlichen Trostgesprächen über dem Cheesecake. Und dem unerschöpflichen Beleidigungsreservoir, das Sophia für Libido-Luder Blanche über hatte, wie hier: "Mein Körper ist ein Tempel." - "Ja, offen für alle, Tag und Nacht!" Überhaupt wurde die Kunst der Beleidigung in kaum einer anderen Serie je so geschliffen praktiziert. Ob nun Dorothy Blanche abkanzelte: "Ich sag dir das ganz im Vertrauen, aber Dirk ist fünf Jahre jünger als ich." - "In was, Blanche, in Hundejahren?" Oder Sophia die erotische Trockenperiode ihrer Tochter auf den Punkt brachte, wie hier: "Ich würde meine Schwester umbringen, wenn sie ein Buch über mein Sexleben schreiben würde." - "Du würdest deine Schwester wegen eines Flugblatts töten?"

Sex mit Nonchalance


Tatsächlich hat die Serie mit erstaunlicher Nonchalance ein Thema behandelt, das heute in Film und TV entweder mit spitzen Fingern angegriffen wird oder dann als besonders mutig gefeiert wird: Sexualität in einem Alter jenseits der straffen Schenkel. Der Blog "Refinery" hat sich die Mühe gemacht, die Liebhaber von Blanche zu zählen: 165. Sophia kommt auf 25, historische Persönlichkeiten von Mussolini bis Freud, die in ihren "Sizilien in den 20er Jahren"-Anekdoten unmotiviert auftauchen, nicht mitgezählt.

Aber nicht nur hier waren die "Golden Girls" Vorreiter. Das Online-Magazin "Medium" hat eine Liste von brisanten Themen veröffentlicht, die in dieser Serie pionierhaft abgearbeitet wurden. Weil die Frage der Rechte von Homosexuellen so früh und so selbstverständlich liberal aufgegriffen wurde, sind die "Girls" in der einschlägigen Community immer noch Heldinnen. Am vergangenen Wochenende gab es im US-TV gar einen Marathon von Lieblingsfolgen - nachgespielt von Dragqueens. Aber auch Behinderung, Außenseitertum, Armut, ja sogar Sterbehilfe haben die Autoren dieser Comedy(!)-Serie aufgegriffen. Außerdem hat der Artikel die feministische Grundkonstellation der Frauen-Wohngemeinschaft betont.