Alternativ und oft originell war, was Channel 4 auf den Bildschirm brachte. BBC 1 und BBC 2 waren die staatstragenden, durch und durch ausgewogenen Kanäle. ITV, der dritte Kanal, war stramm kommerziell ausgerichtet und eher konservativ angehaucht. Channel 4 aber war fürs Experimentelle gedacht. Es sollte unter anderem Minderheiten versorgen, die bei den anderen Kanälen zu kurz kamen. Es sollte auf die "gesellschaftliche Vielfalt" Großbritanniens reagieren, unabhängigen Filmemachern eine Chance geben und sich auf Kunst- und Kultursendungen, vor allem auch auf die zeitgenössische Kunstszene, konzentrieren.

Dabei durfte sich Channel 4 eine Spur weiter vorwagen als die "Großen". Es durfte ein bisschen provozieren. Bis heute berühmt sind die kleinen roten Warn-Dreieckchen auf dem Bildschirm, die einige Jahre lang den erotischen Gehalt gewisser Spätfilme signalisierten (und Intendant Michael Grade den Schimpfnamen des "Chef-Pornografen der Nation" eintrug).

In vielen Bereichen leistete Channel 4 Pionierarbeit. Oft waren Programme umstritten - wie jüngst die Serie "Benefits Street", in der eine Straße in Birmingham voller Sozialhilfe-Empfänger ausgeleuchtet wurde. Mit lebensnahen Soap Operas wie "Brookside" (Laufzeit: 21 Jahre) und später vor allem mit dem "Big Brother House" verschaffte sich der sonst eher von Minderheiten genutzte Kanal auch hohe Einschaltquoten.

Die neueste faszinierende Pionierleistung ist eine intelligent-unterhaltsame Darstellung des Alltags an je einer ausgewählten Schule in England oder Wales, die dem Zuschauer Schüler, Lehrer und pädagogische Konzepte näherbringt. Die abendlichen "Channel 4 News" gelten als echte Alternative zu den BBC-Hauptnachrichten.

Über die Jahre wurde der Sender in den digitalen Bereich hinein ausgebaut. Eine vorübergehende finanzielle Krise nach Absetzung von "Big Brother" im Jahr 2009 scheint überwunden. Knapp eine Milliarde Pfund spielte Channel 4 im Vorjahr ein. 90 Prozent davon kamen aus der Werbung, die übrigens selbst wesentlich zündender ist als die bei ITV.

Nicht mehr unterscheidbar


Ob nun die feine Balance gewahrt bleiben kann oder ob die Tory-Regierung sich entscheidet, Channel 4 seinen Sonderstatus zu nehmen - das ist aktuell die Frage in London. Angepeilt hatten Camerons Leute eine Privatisierung schon voriges Jahr. Zu jener Zeit waren die Tories aber noch auf ihre liberaldemokratischen Koalitionspartner angewiesen, und der damalige liberale Wirtschaftsminister Vince Cable vereitelte den Plan.

Seit ihrem Wahlsieg im Mai dieses Jahres müssen die Konservativen auf keine andere Partei mehr Rücksicht nehmen. Einstweilen beteuert das Kulturministerium zwar, dass es "konkrete Pläne" für einen Verkauf nicht gebe. Dass Überlegungen angestellt werden, ist aber kein Geheimnis.

David Abraham, Generaldirektor bei Channel 4 seit 2010, hat unterdessen gewarnt, eine Veräußerung von Channel 4 würde nicht nur künftige Investitionen für unabhängige Medienfirmen infrage stellen. Channel 4 laufe außerdem Gefahr, irgendwann nicht mehr von Channel 5 und all den Folgekanälen unterscheidbar zu sein. Womit Abraham meinte: vom seichten Pool des üblichen Fernsehens.