"Wiener Zeitung": Sie sagen, für Sie ist es die schwierigste Aufgabe, sich für eine Geschichte zu entscheiden. Wieso?

David Barstow: Ich kann jede Geschichte machen, die ich will. Dieses ungeheure Privileg will ich nicht missbrauchen. Mich erreichen pro Woche zehn bis 15 Hinweise, etwa von Menschen, die sagen, sie säßen unschuldig im Gefängnis. Wenn die Geschichte aber keine über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung hat, wäre es für einen Reporter der "New York Times" (NYT) ein Fehler, sie zu verfolgen. Außerdem recherchiere ich nichts, womit sich schon jemand anderer befasst. Mein Job ist es, Dinge zu finden, die niemand sieht. Fast immer drehen sich meine Geschichte um Machtmonopole – so wie die Geschichte über Wal Mart (dafür erhielt Barstow 2013 seinen dritten Pulitzerpreis, Anm.).

Nachdem Sie die die Korruption bei Wal Mart publik gemacht haben, ist die Wal Mart-Aktie um 20 Milliarden Dollar in den Keller gefallen. Wie verärgert war der Konzern?

Wenn man von Anfang an korrekt ist, sind die Leute im Nachhinein nicht sauer. Der Bericht hat das größte Verfahren ausgelöst, das in den USA je aufgrund einer Bestechung geführt wurde. Wal Mart musste 600 Millionen Dollar Strafe zahlen. Doch der "Wal Mart"-Sprecher hat nachher gesagt, dass ich sie immer fair behandelt habe. Es gibt immer die Versuchung, unlautere Mittel anzuwenden. Oft rechtfertigt man etwa Identitätsverleugnung damit, dass die Geschichte wichtig und nicht anders zu bekommen sei. Ich bin jedoch tief überzeugt davon, dass das der schlimmste Fehler ist, den ein Reporter machen kann. Denn damit macht man sich angreifbar.

Haben Sie für eine Story nie etwas Illegales getan?

Nein. Kein Hausfriedensbruch, kein Dokumentendiebstahl, keine Hackerangriffe. Ich habe nie gelogen und nie meine Intentionen versteckt. Das stärkt meinen Rücken, zum Beispiel in schwierigen Interviews. Wenn ich die höchsten ethischen Standards anwende, erleichtert mir das, harte Fragen zu stellen. Die Firmen können tun, was sie wollen, Privatdetektive engagieren und mich ausspionieren lassen, und sie werden mich trotzdem nicht drankriegen.