Im Print kostet die "Sun" 70p, im Netz ist sie gratis. - © Herrett/Corbis
Im Print kostet die "Sun" 70p, im Netz ist sie gratis. - © Herrett/Corbis

London. Eine spektakuläre Kehrtwende hat jetzt das jahrzehntelang populärste aller britischen Boulevardblätter, "The Sun", vollzogen. Zwei Jahre, nachdem sich die Zeitung hinter einer "Paywall" einmauerte, trägt sie die Mauer nun reuig wieder ab - und bietet von Dezember an erneut freien Zugang zu ihrem Online-Angebot.

Grund für die Umbesinnung war der fatale Kunden-Verlust im Online-Bereich seit der Einrichtung der Bezahlschranke. Vor dem Herablassen der Schranke, im Sommer 2013, kam das Rupert-Murdoch-Blatt online noch auf 1,9 Millionen tägliche Besucher. In diesem Sommer waren es nur noch 1,1 Millionen, während der "Mirror" auf 3,9 Millionen kam und die "Mail" sogar auf 13,4 Millionen. Sogar der "Express", in der Print-Auflage weit hinter den anderen, hatte online gegenüber der "Sun" die Nase vorn.

Das international interessiert verfolgte Experiment Rupert Murdochs, mit festen 8-Pfund-Abos auch im Boulevardbereich zu verdienen, erwies sich so als kommerzieller Irrtum. Statt die erwarteten Zusatz-Einnahmen durch Gebühren und Werbung zu bringen, fand sich die "Sun" wegen abflauenden Interesses zunehmend von der "nationalen Debatte" im Online-Bereich Unterhaltung und Gesellschaft ausgeschlossen und auch ihres früheren Einflusses im politischen Bereich nach und nach beraubt. Das aber, meint der Londoner Medien-Professor Roy Greenslade, sei "unakzeptabel" geworden für "eine Zeitung im Massenmarkt, die sich immer darauf verlassen hat, dass der Umfang ihrer Leserschaft ihr auch politischen und sozialen Einfluss verschafft".

Beharrlich hatte Sun-Eigner Murdoch bis zum letzten Wochenende daran festgehalten, dass die Paywall "genau das Richtige" für die "Sun" sei. "Stattdessen", urteilte am Montag der Londoner "Independent", "hat sich das Experiment als kostspielige Zeitverschwendung erwiesen." Für Roy Greenslade ist 2015 zu einem wahrhaft "denkwürdigen" Jahr für die "Sun" geworden. Es begann mit dem Verzicht auf die umstrittene Tradition der "Seite-3-Girls" und endet nun mit dem Abriss der "Wall".

Bekanntgegeben wurde die Paywall-Kehrtwendung von News-
UK-Generaldirektorin Rebekah Brooks - der früheren Murdoch-Statthalterin in Großbritannien, die im Zuge der Hacking-Affäre beim Schwesterblatt "News of the World" 2011 ihren Job verlor. Seither ist Brooks vor Gericht von aller Mitwisserschaft an der Affäre freigesprochen worden. Sie kehrte im September dieses Jahres auf ihren alten Posten an der Spitze der britischen Murdoch-Blätter zurück.

Vorerst nur Boulevard


Abgezeichnet hatte sich die Kehrtwendung bereits mit der Bestellung Tony Gallaghers zum neuen "Sun"-Chefredakteur, ebenfalls im September. Gallagher war zuvor verantwortlich für die Online-Aktivitäten der "Mail", der großen Rivalin der "Sun". Der neue "Sun"-Boss hatte von Anfang an keinen Zweifel daran, dass nur ein Gratis-Auftritt im Boulevardbereich der "Sun" genügend Attraktivität verschaffen kann.

Gallagher brachte einen Kollegen von der erfolgreichen "Mail", deren Online-Chef für den Absatzbereich Amerika, Keith Poole, mit an die neue Arbeitsstelle. Poole ist jetzt, als rechte Hand Gallaghers, Online-Direktor der "Sun". Bis Ende des Jahres soll Poole auch die gesamte Webseite der "Sun" ummodeln und neu ins öffentliche Bewusstsein rücken. Poole, Gallagher und Brooks sind sich darin einig, dass die "Sun" in dieser Hinsicht viel an verlorenem Boden gutzumachen hat.

"Times" bleibt kostenpflichtig


Bei der Bezahlschranke für "Times" und "Sunday Times", die seriöseren britischen Titel Murdochs, soll es dagegen fürs Erste bleiben - wiewohl nur spärliche Informationen darüber existieren, ob sich diese auch wirklich lohnt.

Befriedigende Ergebnisse hat eine Paywall offenbar der "Financial Times", dem inzwischen in japanischer Hand befindlichen Finanzblatt der Londoner City, gebracht, auf dessen Informationen viele Finanzexperten angewiesen sind. Andere Blätter, wie der konservative "Telegraph", haben sich eine flexible Paywall gegeben. Der linksliberale "Guardian" bleibt andererseits (noch) beim Gratis-Auftritt. Die "Guardian"-Webseite ist, zusammen mit der Webseite der rechts-populistischen "Mail", zu einem der meistbenutzten englischsprachigen Online-Angebote der Welt geworden.

Die unterschiedlichen Modelle bezeichnen die noch immer herrschende Ratlosigkeit der britischen Presse über den besten "zweigleisigen" Weg in die Zukunft. Die Print-Auflagen sind rückläufig, die Werbe-Einnahmen bei Print im vergangenen Jahr um 30 Prozent gesunken. Gleichzeitig blieb aber auch die Online-Werbung weit hinter den Erwartungen zurück.