Ein Krampus, ein Mann, eine blonde Frau, eine Kirche, ein Baby, ein Totenkopf, ein Engerl. Was ist das? Das ist "Faust" in Emoji-Version. Also Gounods Oper "Faust". Denn Mephisto-Krampus hin oder her - Goethekenner vermissen da natürlich den Pudel. Den es selbstverständlich auch als Emoji gäbe. Das ist eines jener Opern-Bilderrätsel, die die New Yorker Metropolitan Opera in unregelmäßigen Abständen über den Kurznachrichtendienst Twitter verschickt. Für Fortgeschrittene ist wiederum die oben abgebildete "Emoji-Opera". Sie zeigt Glucks "Orfeo ed Euridice". Zu erkennen am Affen, der sich die Augen zuhält.

Vom Turbo-Chatten verrückt geworden: Ist das als "Wort des Jahres" geehrte Smiley, das vor Lachen weint, eine Metapher für unsere Überforderung durch den technischen Fortschritt? - © Apple
Vom Turbo-Chatten verrückt geworden: Ist das als "Wort des Jahres" geehrte Smiley, das vor Lachen weint, eine Metapher für unsere Überforderung durch den technischen Fortschritt? - © Apple

Das Vokabular der kleinen Bildchen, mit denen man vorzugsweise über Smartphone seine Kommunikation effizienter gestalten kann, ist für sein kindisches Image überraschend kompatibel mit Hochkultur. Ambitionierte Minimalautoren stellen auch gerne große Literaturklassiker wie "Moby Dick" und "Schuld und Sühne" mit den kleinen Smileys und ihren multifunktionalen Kollegen nach. Der Penguin-Verlag hat sogar Shakespeares "Romeo & Julia" in Bildersprache übersetzt. Als also am Dienstag ein Aufschrei durch das Bildungsbürgertum ging, weil das "Oxford Dictionary" einen Smiley zum "Word of the Year" gewählt hat, war das nicht nur ein bisschen streng. Sondern auch ein bisschen uninformiert.

Überall verstanden

Was Ovid wohl dazu sagen würde: Die Liebe ist eine Party, bevor die Schlange zubeißt, dann gibt’s eine Tote, Höllenfeuer und Musik, ein Affe darf nicht schauen, schaut aber doch und es gibt schon wieder eine Tote. Ganz klar, es handelt sich um "Orpheus und Eurydike", prägnant nacherzählt in Emojis von der New Yorker Metropolitan Opera. - © Apple
Was Ovid wohl dazu sagen würde: Die Liebe ist eine Party, bevor die Schlange zubeißt, dann gibt’s eine Tote, Höllenfeuer und Musik, ein Affe darf nicht schauen, schaut aber doch und es gibt schon wieder eine Tote. Ganz klar, es handelt sich um "Orpheus und Eurydike", prägnant nacherzählt in Emojis von der New Yorker Metropolitan Opera. - © Apple

Die Konkurrenz, die die Jury ad acta gelegt hat, bestand unter anderem aus dem Begriff "lumbersexual" - ein Wort aus der Lifestyle-Nische (Hipstervollbart und so). Sagt außer Eingeweihten genau: niemand. Der Vorteil des so umstrittenen englischen Wort des Jahres 2015, das gar kein Wort ist, ist hingegen seine Universalität. Denn auch wenn man sich etwa auf Twitter zu entsetzten Äußerungen hinreißen hat lassen wie "Ich habe den Glauben an alles verloren!" -das gelbe Gesicht, das vor Lachen Tränen in den Augen hat, ist rund um den Globus bekannt. Und wird auch überall verstanden.

Die Wahl der Redakteure des Oxford-Wörterbuchs kommt nicht ganz überraschend. Bereits seit einiger Zeit widmen sich Sprachwissenschafter dem Phänomen. Vyv Evans von der walisischen Bangor Universität hat erst vor kurzem in der BBC konstatiert, dass die Kommunikation über Emojis die am schnellsten wachsende Sprache in der Geschichte überhaupt ist. Laut dem Linguisten hat diese moderne visuelle Sprache ihren ägyptischen Vorgänger, die Hieroglyphen, bei weitem überholt - die Hieroglyphen brauchten Jahrhunderte, wofür die Emoji-Sprache quasi ein paar Smartphone-Wischer benötigten.

Erfunden wurden die Piktogramme in den 90er Jahren vom japanischen Software-Entwickler Shigetaka Kurita für einen Pager-Service. Er schuf den ersten Satz von 176 Bildern. Die waren noch hübsch retro-pixelig, es gab aber bereits damals eine Glühbirne und eine "In your face"-Faust. Kurita ließ sich inspirieren von Mangas, chinesischen Schriftzeichen und Straßenschildern. Immer noch lassen sich die asiatischen Wurzeln der Emojis (das Wort setzt sich aus japanisch "e" für Bild und "moji" für Buchstabe zusammen) nicht verleugnen. Während man Sushi in allen Variationen verschicken kann, musste man auf das Erweiterungsset des Jahres 2015 warten, um sein Umfeld vom Verzehr eines Tacos oder eines Hotdogs instruieren zu können. Für Letzteren soll sich sogar der US-Präsident nachhaltig eingesetzt haben.

Ausufernder Wortschatz

Nach wie vor gibt es kein Schnitzel. Aber das ließe sich ändern. Man müsste nur ein Ansuchen an das Unicode-Konsortium schicken. Diese Institution kümmert sich um die Vereinheitlichung von digitalen Codes. "Vollmitglieder" sind etwa die großen IT-Konzerne Apple, Facebook, Google, Microsoft und IBM, aber auch Regierungen und Privatpersonen sind beteiligt. Im Mai kommenden Jahres wird über neue Emojis entschieden. Wenn das Schnitzel häufig genug nachgefragt wird, hat es Chancen. Außer es gilt als "zu spezifisch" - das ist einer der auf der Homepage angeführten Ausschließungsgründe. Auch nicht in Frage kommen Markenlogos oder historische Persönlichkeiten sowie Gottheiten. Mit Beleidigungen sieht man es hingegen offenbar nicht so eng, immerhin gibt es mittlerweile auch ein unmissverständliches Emoji mit ausgestrecktem Mittelfinger.

Die letzten großen Veränderungen im Bilder-Wortschatz gab es freilich sehr wohl aus Angst vor Beleidigungen. Wie in jeder anderen Sprache müssen auch Emojis einer gewissen politischen Korrektheit entsprechen. Deswegen gibt es nun zum Beispiel eine schier nicht endenwollende Variation an Familienkonstellationen.

Die immer mehr ausufernde Masse an Bildern könnte der neuen Sprache aber noch zum Verhängnis werden. Arbeitet sie doch dem grundsätzlichen Zweck der Bilderbuchstaben entgegen: der Schnelligkeit. Die Kommunikation über das Internet wird immer rasanter, da ist es nicht förderlich, wenn man länger den Emoji-Katalog durchblättern muss, als es dauert, die Nachricht konservativ zu verschriftlichen. Nicht nur deswegen entwarnte kürzlich der deutsche Sprachwissenschafter Anatol Stefanowitsch in der "Welt": Die Schriftsprache werden die Emojis trotz ihrer verführerischen Universalität nicht ersetzen. Zu der Erkenntnis brachte ihn auch ein Experiment, in dem er eine Woche lang mit seiner Freundin auf WhatsApp nur mit Symbolen kommunizierte. Das klappte so lange, bis es zur Einkaufsliste kam. Alltägliches wie eine Wasserflasche ist nämlich nicht zu finden. Eine Flasche gibt es nur in Champagner-Form. Aber eine Melanzani, die ist wichtig.