• vom 30.11.2015, 15:24 Uhr

Medien

Update: 30.11.2015, 15:28 Uhr

Presserat

Verunglimpfung von Flüchtlingen als Terroristen in "Kronen Zeitung"




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Von WZOnline

  • "Nach Ansicht des Senats werden in dem Artikel und den beigefügten Bildern Flüchtlinge pauschal verunglimpft und diskriminiert."

Wien. Wieder einmal stand die Berichterstattung der "Kronen Zeitung" im Mittelpunkt des österreichischen Presserats. In einer Aussendung erklärte dieser nun, dass der fragliche Artikel Flüchtlinge als Terroristen verunglimpfe.

In der Aussendung heißt es: "Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit dem Artikel  "Der IS auf dem Weg zu uns", erschienen in der "Krone Bunt" vom 12. Juli 2015. Nach Meinung des Senats verstoßen der Artikel und das dazugehörige Bildmaterial gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 7 (Schutz vor Pauschalverunglimpfungen und Diskriminierung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.


In dem Artikel wird unter Berufung auf "Geheimdienste und Polit-Größen" sowie einen "Insider der heimischen politischen Gemeinde" berichtet, dass der IS Anschläge in Europa plane und gezielt Leute nach Europa schicke, um islamistische Netzwerke zu fördern, Jugendliche in Moscheen zu ködern und Schläfer-Zellen zu aktivieren. Für diese Terroristen sei es kein Problem, nach Europa zu kommen, sie würden "[a]usgestattet mit dem nötigen ‚Kleingeld‘ und professionell gefälschten Dokumenten … einfach auf der Flüchtlingswelle" mitsurfen. Unter Berufung auf einen namentlich genannten Mitarbeiter des "griechischen Instituts für Sicherheits-und Verteidigungsanalytik" wird angemerkt, dass im Vorjahr "an die 100 mutmaßliche Islamisten ins Netz" gegangen seien, "die als ‚Flüchtlinge‘ gestrandet, aber von unterschiedlichsten Ländern wegen des Verdachts des Terrorismus international gesucht" worden seien. Es komme daher nicht selten vor, dass Flüchtlinge auf ihrer Flucht genau auf jene Menschen treffen, vor denen sie geflohen seien. "Die Sicherheitsbehörden in ganz Europa" stünden laut Artikel " vor schier unlösbaren Aufgaben", da "auch wenn als Flüchtlinge getarnte Islamisten ins Netz gehen – ‚Terrorist‘ … keiner auf dem Kopf stehen" habe, und sich auch keiner "[f]reiwillig outen" werde.
Dem Artikel sind zahlreiche Bilder beigefügt. Ein Bild mit der Bildunterschrift "Flüchtlinge beziehen ihre Zelte" zeigt Flüchtlinge in einem Zeltlager, ein weiteres mehrere Flüchtlinge in einem Schlauchboot. Bei vielen sind ihre Gesichter zu erkennen. Schließlich werden auch noch zwei Bilder von IS-Kämpfern und ein Bild mit Flüchtlingsrouten und dem vom IS kontrollierten Gebiet veröffentlicht.

Nach Ansicht des Senats werden in dem Artikel und den beigefügten Bildern Flüchtlinge pauschal verunglimpft und diskriminiert. Es wird suggeriert, dass jeder, der sich als Flüchtling ausgebe, eigentlich auch ein Terrorist sein könnte, und dass man sich bei keinem sicher sein könne, da keiner von selbst zugeben werde oder es "auf dem Kopf stehen" habe, dass er ein Terrorist sei. Das geht nach Ansicht des Senats weit über eine Berichterstattung hinaus, dass Terroristen versuchen könnten, auf diese Weise nach Europa zu gelangen. Es wird den Leserinnen und Lesern suggeriert, dass sie in jedem Flüchtling einen potentiellen Terroristen sehen müssen (Diskriminierung und Pauschalverunglimpfung iSd. Punkt 7 des Ehrenkodex).
Dies gilt insbesondere auch für die Flüchtlinge, deren Gesichter auf den beigefügten Fotos unverpixelt gezeigt werden. Durch die unverpixelte Abbildung in diesem Kontext werden sie auch persönlich als potenzielle Terroristen diffamiert und verunglimpft (Persönlichkeitsverletzung iSd. Punkt 5 des Ehrenkodex).

Der Senat fordert die betroffene Medieninhaberin auf, die vorliegende Entscheidung in der "Kronen Zeitung" freiwillig zu veröffentlichen.

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund von Mitteilungen von Leserinnen und Lesern ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund von Mitteilungen). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen."




Schlagwörter

Presserat, Kronen Zeitung

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-11-30 15:25:33
Letzte Änderung am 2015-11-30 15:28:17



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