Es war ein Kuss, der deutsche TV-Geschichte schrieb. Und einen mittelgroßen Skandal heraufbeschwor: Am 18. März 1990 kam es zum ersten TV-Kuss zwischen zwei homosexuellen Männern - und das ausgerechnet im Vorabendprogramm der ARD. Was heute beinahe Normalität ist, galt damals als Tabubruch. Begangen wurde er in der "Lindenstraße" (So., 18.50 Uhr, ARD). Jener Serie, die als Institution in der deutschen TV-Welt gilt und als langlebigste Fernsehserie Deutschlands am morgigen Sonntag ihr nunmehr 30-jähriges Bestehen feiert.

Am 8. Dezember 1985 strahlte die ARD die erste Folge aus. 1558 Folgen und zahlreiche Dramen, Streitereien, Todesfälle aber auch freudige Momente später, läuft die Serie noch immer. Vom Erfolg der Anfangsjahre ist allerdings nicht mehr viel übrig. Knapp 15 Millionen Zuschauer konnte die Serie einst verbuchen - heute sind es nur noch rund 2,5 Millionen. Die Zeiten sind wahrlich nicht leicht für eine Serie, die bekannt dafür ist, aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen, zu unterhalten und stets auch ein bisschen zu provozieren.

Echte Skandale kann die "Lindenstraße" indessen schon seit Jahren nicht mehr vorweisen. Inmitten einer stetig wachsenden Sendervielfalt und dem Reality-TV, wirkt sie fast brav. Zwar versucht die Serie, mit ihren Geschichten nach wie vor am Puls der Zeit zu sein und an die Erfolge von früher anzuknüpfen. Jedoch wurde schon (fast) alles gezeigt beziehungsweise in irgendeiner Art und Weise im TV thematisiert, bevor es die "Lindenstraße" überhaupt ansprechen kann.

Tabubrüche


Das erfolgsversprechende Brechen von Tabus der Anfangsjahre funktioniert längst nicht mehr. Und was das für Tabus waren: Schon vor dem "ersten schwulen TV-Kuss" sorgte die Aids-Erkrankung und der spätere Tod von Serienfigur Benno Zimmermann (Bernd Tauber) für Diskussionen. Als Anfang der 1990er Jahre dann Flüchtlingsheime in Deutschland angezündet wurden und die Asyldebatte einen vorläufigen Höhepunkt erreichte, wurde dies auch in der "Lindenstraße" thematisiert. Klaus Beimer (Moritz A. Sachs), Sohn von "Mutter Beimer" (Marie-Luise Marjan) wandte sich damals der rechten Szene zu - und sorgte so erneut für Gesprächsstoff. Sachs zählt übrigens neben Joachim Hermann Luger, Georg Uecker, Ludwig Haas und Marie-Luise Marjan zu denjenigen, die noch von Beginn an dabei sind. Er startete seine Karriere in der "Lindenstraße" einst mit sieben Jahren. Heute ist "Klausi" alleinerziehender Vater und zweimal geschieden.

Sonst herrscht seit Serienbeginn ein reges Kommen und Gehen unter den Darstellern. 262 Hauptrollen wurden in den vergangenen 30 Jahren besetzt. Sie bildeten den Startschuss für so manch große Schauspielkarriere. Auch Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schauspieler Til Schweiger nutzte die Serie einst als Karrieresprungbrett.

Jubiläumsfolge live


Trotz sinkender Quoten ist ein baldiges Ende der Serie nicht wahrscheinlich. Der aktuelle Vertrag läuft noch bis nächstes Jahr, dann werde man weiter sehen, heißt es von Seiten des WDR. ARD-Programmdirektor Volker Herres äußerte sich anlässlich des Jubiläums auch nicht über ein baldiges Ende der langlebigen Serie, betonte vielmehr: "Neben ‚Tatort‘ und ‚Tagesschau‘ zählt sie zu unseren bekanntesten Marken".

Um die Marke weiterhin auszubauen, wollen die Verantwortlichen nun verstärkt auf soziale Medien setzen und so ehemalige Zuschauer, die im Laufe der Jahre abhanden gekommen sind, wieder an Bord holen. Helfen könnte dabei auch die Jubiläumsfolge, die am Sonntag wie gewohnt um 18.50 Uhr gesendet wird. Denn das Besondere an der 1559. Folge mit dem Titel "Hinter der Tür": Erstmals wird die Sendung live gesendet. Zeitgleich wird also im Studio in Köln gespielt und von dort aus auch im Ersten gesendet. Selbst die Filmmusik soll live eingespielt werden.

Ergänzend dazu gibt es ein begleitendes Parallelprogramm auf der Website der Kultserie, das Livebilder aus dem Backstage-Bereich liefert und den Zuschauern einen einmaligen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Es wird dies eine letzte große Herausforderung für "Lindenstraße"-Macher Hans W. Geißendörfer. Der mittlerweile 74-jährige Produzent will sich demnächst schrittweise aus der Serie zurückziehen. Eine Nachfolgerin steht jedoch schon bereit: Geißendörfers Tochter Hana. Sie war bei der Ausstrahlung der allerersten Folge ein Jahr alt.