London/Wien. (bau) Der US-Streamingdienst Netflix hat auch in Europa einen beispiellosen Siegenszug hingelegt. Alleine in Großbritannien sind bereits 4,5 Millionen Kunden auf das vor allem rund um eigenproduzierte Serien gebaute Angebot eingegangen. Die Umsätze können sich sehen lassen, glaubt man Berichten der "Sunday Times" und des "Guardian". Schätzungen der Medien gehen von 200 Millionen Pfund (276 Million Euro) britischem Jahresumsatz aus.

Dennoch bezahlt das US-Unternehmen in Großbritannien keine Körperschaftssteuer (corporate tax), wie die Zeitungen gleichlautend berichten. Das ist zwar kein Vorwurf eines illegalen Verhaltens, wird dabei betont, dennoch reagieren britische Medien stets sehr harsch, wenn internationale Konzerne legale Taktiken zur Vermeidung britischer Steuern anwenden. Auch Facebook geriet bereits mehrfach ins Visier der Öffentlichkeit, nachdem sich herausgestellt hatte, dass auch dieser Konzern Wege gefunden hat, um britische Steuern zu vermeiden. Laut "Guardian" hat man nun wie zum Hohn eine Steuererklärung über 4327 Pfund (5984 Euro) eingereicht. 2014 hat Netflix insgesamt dennoch Gewinne verbucht - nur eben nicht in Großbritannien. Die Ausweichbewegungen internationaler Konzerne sind stets Keimzelle von Aufregung im Vereinigten Königreich. Auch Starbucks war bereits kritisiert worden, da die Kaffeehaus-Kette keine Steuern auf der Insel bezahlte.

Vertrag mit Luxenburg

Netflix rechtfertigt sein steuerschonendes Verhalten damit, dass es in den internationalen Märkten trotz seines Erfolges Verluste einfährt und daher keine Steuern anfallen. Dazu kommt, dass britische Kunden keinen Vertrag mit der britischen Netflix-Tochter haben, sondern von der niederländischen Tochter bedient werden - auch das ist wohl steuerlich bedingt. Dort fielen Steuern in der Höhe von fünf Prozent an - laut "Guardian" 573.396 Pfund im Jahr 2014. Die allermeisten Einnahmen, die dort versteuert wurden, sind jedoch auf britische Abonnenten zurückzuführen.

International peilt Netflix demnächst die 100-Millionen-Abonnentengrenze an, der überwiegende Teil davon in den USA. Das würde Netflix von den Umsätzen her zum Multi-Milliarden-Dollar Unternehmen machen. Möglich war dieser rasante Aufstieg durch das breite Angebot an Serien, das Netflix bietet. Viele eigenproduzierte Serien wie "House of Cards" oder "Orange Is the New Black" erwiesen sich als Bestseller und entwickelten eine enorme Sogwirkung. Dazu kommt, dass die Preise weit unter dem bisherigen Niveau von Pay-TV lagen, was die Hürde zum Einstieg niedrig macht.

Netflix wird auch im kommenden Jahr verstärkt auf eigene Inhalte setze: Die Zahl der selbstproduzierten Sendungen werde auf 31 von 16 steigen, erklärte der verantwortliche Manager Ted Sarandos am Montag auf einer Medienmesse. Gegenwärtig seien unter anderem zehn Filme und mehrere Serien in Arbeit. "Das ist das Programm, das die Leute sehen wollen." Er wies darauf hin, dass Netflix im vergangenen Jahr für Eigenproduktionen für Auszeichnungen wie den Emmy, Oscar und Golden Globe nominiert worden sei. Dagegen werde man Abstand nehmen von Deals mit Filmstudios, sagte Sarandos. Eine Ausnahme sei Walt Disney. Gegenwärtig bieten eine Reihe von Internet-Unternehmen Filme und Serien über das Internet an, darunter Amazon und YouTube.