Los Angeles. Mit den zweiten Staffeln von "Daredevil" und "Jessica Jones" setzt Netflix den Trend "erwachsener" Helden fort. "Wir haben die Marvel-Shows nie als Superhelden-Serien gesehen", sagte der Vizepräsident von Marvel-TV, Jeph Loeb. "'Daredevil' ist ein Krimi-Drama, das zufällig von einem Superhelden handelt, und 'Jessica Jones' ein psychologischer Thriller, in dem eine Superheldin auftaucht."

"Was macht einen Helden zum Helden?" ist die dominierende Problematik der zweiten Staffel von "Daredevil", erzählte Hauptdarsteller Charlie Cox, der den blinden Rechtsanwalt Matt Murdock verkörpert, der APA im Rahmen eines Pressetages im kalifornischen Pasadena. "Mit Kingpin im Gefängnis ist die Kriminalitätsrate in Hell's Kitchen gesunken und die Dinge sind zurück zur Normalität gekehrt", verriet der 33-jährige Brite über die 13 neuen Folgen, die ab 18. März beim Streamingdienst zu sehen sind. Doch dann taucht mit dem Punisher der nächste Gegenspieler auf und bringt mit seiner Schwarz-weiß-Selbstjustiz Murdock dazu, seine Rolle als Daredevil zu überdenken.

Es geht einmal mehr um die Moral

"Diese moralische Kluft zwischen den beiden" und einer dritten Comicfigur, Elektra (die Französin Élodie Yung), "ist der Motor für die 2. Staffel", so die Serienschöpfer. "In der ersten Staffel ist Matt Murdock auf die Welt getroffen. Nun trifft die Welt auf Matt Murdock. Und es ist pures Chaos", so Cox. Als Punisher hat man Jon Bernthal (39) engagiert, bekannt aus der US-Serie "The Walking Dead". "Ich habe noch nie etwas so Düsteres, Authentisches und Rohes im Marvel-Universum gesehen. Was für ein toller Ort, diese Figur einzuführen und die Einsätze zu erhöhen. Es ist eine enorme Ehre", so Bernthal. Showrunner Steven DeKnight wurde mit Staffel 2 von Marco Ramirez und Douglas Petrie ersetzt.

Seit 2008 hat sich Marvel Studios einen Namen als jene Firma gemacht, die bunte Comic-Abenteuer für die Leinwand adaptiert - mit strahlenden Helden wie Iron Man und Captain America. Bis Netflix sich 2015 in die Produktion von Marvel-Serien einhakte. "Daredevil" war realistischer, menschlicher und auch brutaler als alles, was Marvel bisher produziert hatte. Mehr leises, serielles Krimidrama als laute Superhelden-Serie. Es folgte "Jessica Jones", ein "Erwachsenendrama", so Loeb, über eine traumatisierte Heldin. Erst kürzlich wurde die Serie unter Showrunner Melissa Rosenberg um eine zweite Staffel verlängert; ein Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest.

"Jessica Jones", basierend auf den Comics "Alias" und "The Pulse", erzählt von einer Frau, die trotz außergewöhnlicher Kräfte versucht, ein normaler Mensch zu sein. Sie ist eine mürrische Noir-Detektivin, ein Raufbold mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und einem Alkoholproblem. Auch Jones mutet nicht wie die übliche Marvel-Heldin an. Das sieht man bereits daran, dass sie Jeans und Lederjacke einem Kostüm vorzieht. "Das war eines der coolsten Dinge, als mir die Idee vorgestellt wurde, nämlich dass man Jessicas Kräfte auf eine nüchterne Art und Weise behandeln würde. Sie sehen mich nicht herumfliegen und Sie wollen mich auch nicht in einem Turnanzug sehen", erklärte Hauptdarstellerin Krysten Ritter der APA. Ausschlaggebend ist, dass ihre Identität als Heroine sekundär ist. "Ich habe nie wirklich gedacht, 'Oh, ich bin eine Superheldin'. Ich spiele immer zuerst Jessica und dann die Superheldin", so die 34-Jährige.

"Daredevil" und "Jessica Jones" sind mit einer finsteren Atmosphäre, ihrer expliziten Darstellung von Gewalt und ihren vielschichtigen Figuren für viele eine lang ersehnte, neue Herangehensweise an ein übersättigtes Genre. Im Fall von "Jessica Jones" sind Supermächte eine Metapher, um psychischen und körperlichen Missbrauch zu erforschen. "Ich habe mich auf die Psychologie und Hintergrundgeschichte des Charakters konzentriert und sah ihre Kräfte als natürliche Erweiterung dessen. Wenn sie einen Schlag austeilt, dann fühlt sich das so an, als würde diese Kraft aus ihrem Inneren kommen. Sie ist einfach scheiß stark", gefällt Ritter der subtile Umgang mit den Superkräften ihrer Figur, die zudem zu einer feministischen Galionsfigur avanciert ist.

"Man hofft immer, dass man diese Art von Gesprächen ankurbelt", sagte Ritter dazu. "Wir sind so stolz auf die Serie. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass dies bahnbrechendes Material ist. Es fühlte sich groß und wichtig an, aber man weiß nie, ob es funktioniert. So etwas passiert nicht jeden Tag", wollte die Amerikanerin verstanden wissen und betonte wie schwierig es ist, als Schauspieler über die Runden zu bekommen. "Mindestlöhne sind zu Höchstlöhnen geworden. Es gibt weniger Arbeitsplätze. Es ist auf jeden Fall hart da draußen für einen Charakterdarsteller."

"Daredevil" und "Jessica Jones" haben den Anfang gemacht in Marvels Ausbauplan, nun wird Netflix drei weitere Serien produzieren. "Luke Cage" (wie schon in "Jessica Jones" gespielt von Mike Colter) und "Iron Fist" werden folgen, um dann alle in "The Defenders" zusammenzuführen. Über ein "Punisher"-Spin-off wird bereits gemunkelt. "Ich denke, das ist reine Spekulation momentan, aber es ist natürlich unsere Hoffnung, dass alle unsere Charaktere gut beim Publikum ankommen und dass die Menschen mehr von ihnen sehen wollen," so Loeb.