Wien. (bau) Er galt als einer der wortgewaltigsten Intellektuellen des deutschen Sprachraums. Bestsellerautor, Musikmoderator, Interviewer, Beobachter und Essayist. Seine Texte hatten stets Gewicht, seine Worte konnten Schild, aber auch Schwert sein: Roger Willemsen erlag am Montag mit nur 60 Jahren jener Krebserkrankung, die er im Sommer öffentlich gemacht hatte und die ihn zum völligen Rückzug aus der Öffentlichkeit gezwungen hatte.

Wie viele Größen des Literaturbetriebs hatte Willemsen viele Interessen. Diese überschnitten sich jedoch nur teilweise mit den Anforderungen des Helmholtz-Gymnasiums in Bonn-Duisdorf, wo Willemsen erst nach zwei zusätzlichen Jahren sein Abitur abschloss. Später studierte er mit Begeisterung Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien und promovierte über Robert Musil. Seine Habilitationsarbeit über Selbstmord in der Literatur fand keinen Abschluss, dafür publizierte er ein Buch zum Suizid bei Kiepenheuer & Witsch.

Das Fundament seiner Bekanntheit legte Willemsen in den neunziger Jahren beim Pay-Sender Premiere, wo er für die Interviewreihe "0137" (benannt nach der Vorwahl unter der Nummer, bei der die Zuseher anrufen konnten) mehr als 600 Gespräche führet, darunter mit Schauspielerin Audrey Hepburn, mit Gefangenen aus der Rote Armee Fraktion, Jassir Arafat, einem Kannibalen und einem entflohenen Bankräuber. Die Sendung erhielt mehrere Preise, darunter den renommierten Grimme-Preis. Später wechselte er zum ZDF und moderierte dort "Willemsens Woche".

Zudem arbeitete er als Fernsehproduzent, Dokumentarfilmer und Dozent an Universitäten. Bekannt wurde er auch mit seinen essayistischen Reisebüchern, für die er kaum einen Winkel der Welt nicht gesehen hatte. Für "Deutschlandreise" (2002) fuhr er kreuz und quer mit der Bahn durch Deutschland. Auch die "Afghanische Reise" und "Hier spricht Guantánamo" (2006) wurden Bestseller. Seine Recherchen waren stets gründlich und aufwendig. Für seinen Bestseller "Das Hohe Haus" (2014) über den Deutschen Bundestag verfolgte er ein Jahr lang die Debatten von der Zuschauertribüne aus. Er publizierte ferner in der "Zeit" und der "Woche" und moderierte viele Jahre lang Radiosendungen auf WDR5 und NDR Kultur.

Auch auf der Bühne war er aktiv, etwa mit seinem Erzählprogramm "Und Du so?" oder mit Dieter Hildebrandt mit "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge". Das Fernsehen jedoch blieb stets sein primäres Medium, er war ein gnadenloser Verfechter eines Fernsehens mit Niveau. Das musste etwa Heidi Klum zur Kenntnis nehmen, als Willemsen in der "taz" "Germany’s next Topmodel" als "Exzess der Nichtigkeit" kritisierte. Er bezeichnete Klum als "unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernanten-Profil", die kleine Mädchen zum Weinen bringe, indem sie ihre "hochgerüstete Belanglosigkeit zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochschwindelt".

"Der Gott heißt Publikum"


Über das RTL-Dschungelcamp schrieb er in einem bemerkenswerten Essay in der "SZ": "Man gibt sich in die Hand eines ironischen Gottes, dem die Leiden seiner Geschöpfe ziemlich gleichgültig sind. Dieser Gott heißt Publikum. Nur indem wir durch das Fegefeuer der Selbsterniedrigung gehen, läutern wir uns von der Bedeutungslosigkeit und bewähren uns vor der Unterhaltung."

Völlig frustriert vom Fernsehen, kündigte er 2001 vorläufig seinen Abschied vom Bildschirm an. Es sei "aufreibend, zu versuchen, Minderheitsinteressen auf ein Massenpublikum zu übertragen". Doch die Karenz dauerte nur zwei Jahre, bis er Elke Heidenreich und Daniel Cohn-Bendit beim "Literaturclub" des Schweizer Fernsehens nachfolgte.

Pünktlich zum 60. Geburtstag hatte das Leben die böse Überraschung in Form einer Krebsdiagnose für ihn parat. Eine Form, die wenig Zeit lässt. Daraufhin sagte er alle öffentlichen Veranstaltungen ab und zog sich zurück. Am Montag verstummte seine markante Stimme für immer.