Die große Sehnsucht Kurt Weills (1900-1950) war die Oper. Und just in diesem Genre wollte ihm nicht Vieles glücken.

Weill, Schüler des italodeutschen Ferruccio Busoni, der avantgardistischer dachte als komponierte, hatte ein paar Instrumentalwerke geschrieben, merkte aber bald, dass sich seine Fantasie ausschließlich am Wort entzündete. Drei Jahre - drei Opern: "Der Protagonist" (1926), "Royal Palace" (1927), "Der Zar lässt sich photographieren" (1928) - alle drei nicht abendfüllend, alle drei im ratternden Stil der Zeit, irgendwo zwischen pseudo-expressionistischer Kraftmeierei und dissonant geschärftem Neoklassizismus. Ob diese Opern wirklich geglückt sind, steht auf einem anderen Blatt.

Eine Oper machen mit Bertolt Brecht? 1927 hatte Weill mit ihm das "Songspiel" "Mahagonny" herausgebracht. Lehrhaft hob Brecht darin den Finger: Ganoven gründen eine superkapitalistische Stadt, die erst floriert, dann untergeht. Weill, Sohn eines jüdischen Kantors, ist kein Kommunist - die weltanschaulichen Differenzen werden zum Bruch mit Brecht führen. Doch Weill spürt, dass in "Mahagonny" eine moderne Oper steckt, eine Oper, die Gefühle zeigt, ohne gefühlig zu sein. Weill arbeitet das Stück zur abendfüllenden Oper um. Knirschende Fugen und Choralvorspiele stehen neben Songs und Modetänzen, Populärmusik und Zitate vom "Gebet der Jungfrau" bis zum Tristan-Akkord setzen den Typus Oper unter Anführungszeichen.

Der begnadete Songschreiber

1928 schiebt sich die "Dreigroschenoper" dazwischen. Spätestens jetzt ist klar, dass sich Weill als Komponist Brechts zum begnadeten Songschreiber gemausert hat.

1930 wird "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" im Neuen Theater Leipzig uraufgeführt. Im Publikum machen Anhänger der NSDAP Radau gegen das, was in ihren Augen und Ohren ein "jüdisch-kommunistisches Machwerk" ist. Wie gut ist die "Mahagonny"-Oper? - Das Songspiel schimmert durch, und überall dort ist das Werk perfekt. Wenn Weill schlagkräftig loslegen kann, etwa im "Alabama-Song", ist alles klar. Aber man spürt auch das Wollen, die Leerläufe. Dann, 1930, nochmals Oper mit Brecht: "Der Jasager." "Er hat ja gesagt" ist ein Knüller, aber wieder funktioniert das nicht abendfüllende Werk nicht wirklich. Allerdings sind auch die folgenden Opern Weills, "Die Bürgschaft" und "Der Weg der Verheißung" problematisch. Sein Meisterwerk ist "Silbersee", eine Art Singspiel, eine aufregende Mischform.

1935 emigriert Weill mit seiner Frau, der Schauspielerin Lotte Lenya, in die USA - und amerikanisiert sich dermaßen, dass er sich in einem Interview 1947 sagt, er betrachte sich nicht als deutschen Komponisten.

In New York komponiert Weill Musicals für den Broadway - und hebt dieses Genre auf ein neues, zuvor nicht gekanntes Niveau. Und dann gelingt ihm, noch ein Meisterwerk: "Street Scene" (1947) ist ein Musical, das eigentlich eine Oper ist, und zwar, trotz der Songnummern, eine echte Oper. Leonard Bernsteins Traum von der genuin-amerikanischen Oper, die sich aus der genuin-amerikanischen Form des Musicals entwickelt, ist von Weill vorwegnehmend realisiert worden.

"Mahagonny" aber bleibt ein Meilenstein auf dem Weg Weills zur Oper. Meilensteine sind wichtige Markierungen. Perfekt sein müssen sie nicht.