Wien. Ö3 und die österreichische Musik verbindet seit vielen Jahren ein eher angespanntes Verhältnis. Viele heimische Bands fühlen sich von Ö3 ignoriert, ja sogar regelrecht verhöhnt. Denn Ö3 spielt nur Musik, die erprobter Weise massentauglich ist. Für Experimente ist kein Platz. Und was in heimischen Probekellern so alles auf Tonträger gebrannt wird, dürfte dem nicht allzu oft entsprechen. Im Juni 2015 einigte man sich unter erheblichem politischen Druck auf eine Quote von 15 Prozent Anteil heimischer Musik im Ö3-Programm. Nun liegen Reichweiten und Marktanteile des zweiten Halbjahres vor: Ö3 verlor 2,4 Prozentpunkte an Reichweite in der werberelevanten Zielgruppe (14-49) und hielt bei 43,0. Prozent. Der Marktanteil blieb fast unverändert: 41 statt 40 Prozent.

Bei Ö3 sah man sich bestätigt und führte den Rückgang prompt auf die Quote heimischer Musik zurück: "Wir kennen intern die Gründe für die aktuellen Marktbewegungen sehr genau - das hat sehr viel mit inhaltlichen Auflagen zu tun, die wir im letzten Jahr neu dazubekommen haben", erklärte Ö3-Chef Georg Spatt im "Kurier". Auch in der "Presse" nennt er die "schlagartige Musikquote" als Hauptgrund. Zahlen als Beleg legt Spatt auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" jedoch keine vor, auch in der "Presse" wollte Spatt dann doch nur von einer "Vermutung" sprechen.

"Völlig natürliche Entwicklung"


Klar, dass Spatts Äußerungen Wasser auf die Mühlen jener sind, die das als Ausrede sehen. Bei Experten, die mit den Zahlen des Radiotests bestens vertraut sind, geht man im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" sogar davon aus, dass es sich dabei um "reine Wehleidigkeit" handelt. Der Rückgang von Ö3 sei eine "völlig natürliche Marktentwicklung, die mit der heimischen Musik absolut nichts zu tun hat". In der Tat reihen sich die jüngsten Zahlen sehr schön in die kontinuierliche Abwärtsbewegung der vergangenen 15 Jahre ein (siehe Grafik). Hatte Ö3 im zweiten Halbjahr 2001 noch 54,7 Prozent Tagesreichweite in der werberelevanten Zielgruppe, ist dieser Wert nahezu jährlich gefallen. Bei den Marktanteilen ergibt sich genau dasselbe Bild: Von 50 Prozent 2001 auf 40 Prozent 2014, das ist jeder fünfte Hörer.

Dazu kommt, dass FM4, das einen erheblich höheren Anteil an heimischer Musik spielt (circa 25 Prozent), sich von 1 Prozent (2001) auf 4 Prozent (2015) verbesserte. Alleine das gilt Experten schon als Indiz dafür, dass Spatts Vermutung nicht stimmen kann. Denn dann wäre FM4 mit seiner viel höheren Musikquote auch von Rückgängen betroffen. Auch der österreichische Musikverleger Walter Gröbchen hält die Erklärung für eine "billige Ausrede", wie er in der "Presse" erklärte. "Nicht die österreichische Musik, sondern das Formatradiokonzept vertreibt die Hörer": Heimische Musiker würden erst gespielt, wenn sie schon beliebt sind, und dann so oft, dass es den "Leuten bei den Ohren raushängt".

Das kann ORF-Radiodirektor Karl Amon auf Anfrage so nicht stehen lassen: "Es gibt in Teilbereichen in der Chronologie der Radiotests der letzten Jahrzehnte immer wieder ,Aufs‘ und ,Abs‘, natürlich sind mir die ,Aufs‘ lieber. Bei 78 kommerziellen Mitbewerbern bin ich aber sehr zufrieden mit der stabilen Performance von Ö3." Amon sei auch "zufrieden mit der Erhöhung der österreichischen Musikquote. Die österreichischen Kreativen liefern weitgehend großartige Produkte. Trotzdem bleibe ich dabei, dass wir mit der österreichischen Musikquote weiterhin sensibel umgehen müssen", so Amon.

Viel wahrscheinlicher ist ohnehin, dass die Hörer durch die immer bessere Verfügbarkeit von Radio über das mobile Internet heute ein viel breiteres Angebot an Musikradioformaten nutzen. Von Jazz über Country bis hin zu Beat FM - der nächste Spartensender ist nur eine App auf dem Smartphone entfernt. Das zeigt auch der Radiotest. Der Anteil "sonstiger Sender" ist in alleine in den vergangenen drei Jahren von 3,4 auf 5,3 Prozent gestiegen. Tatsächlich ergibt sich dabei eine frappante Analogie zum TV-Marktführer ORF1. Auch dieser erleidet seit 15 Jahren einen sehr kontinuierlichen, aber in Summe erheblichen, Quotenverlust.

Für den ORF ist das ein großes Problem. Von seinen zuletzt 220 Millionen Euro jährlichen Werbeeinahmen kommen gut 109 Millionen aus dem Hörfunk und davon etwa zwei Drittel von der Cashcow Ö3 - Geld, das auch andere Bereiche finanziert.