Wien. An der Wiege der deutschsprachigen Presse steht das Bekenntnis zur eigenen Fehlbarkeit. Dass "bißweilen Errata und ungleichheiten" auftauchen, möge der "großgünstige Leser" bitte verzeihen, schrieb Johann Carolus, der Herausgeber eines Zeitungsperiodikums namens "Relation" - vor mehr als 400 Jahren. Carolus war Drucker in Straßburg und gab seine Zeitung - eine der ersten weltweit - wöchentlich heraus. Dass er dabei (wohl auch eingedenk der Obrigkeit) immer wieder an der Wahrheit scheitern würde, war ihm klar. So bat er den Leser, das Blatt "unbeschwert selbsten zu Corrigiren" - wenn man eine Fehlmeldung erkenne.

Gab es damals als Konkurrenz maximal den mündlich überlieferten Tratsch, muss sich der klassische Journalismus heute vielfältigen Herausforderungen stellen, die mitunter an seine Existenzgrundlage gehen. Das Internet mit seiner Medienvielfalt, die sozialen Medien, der Wegfall des einst als unfehlbar geltenden Geschäftsmodells und letztlich auch die politischen Umstände, die Meinungen in wenigen Wochen völlig kippen lassen können. Diesen Umständen ist es wohl auch geschuldet, dass die Parolen von der "Lügenpresse" von rechter Seite wieder aus der Mottenkiste geholt werden konnten. Das zwingt die Medien in einen Abwehrkampf an der Front der Glaubwürdigkeit, den niemand gewollt und wohl auch nicht vorausgesehen hatte.

Es ist freilich ein ungleicher Kampf, der kaum zu gewinnen ist. Basiert er doch im Wesentlichen auf dem unterschwelligen Gefühl, dass die Medien einem - freilich in verschwörerischer Absicht - Informationen bewusst vorenthalten, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Dieser Vorwurf ist in sich schon ein Killerargument: Es geht ja nicht darum, was die Zeitungen schreiben (das ließe sich ja belegen und ließe eine Debatte zu), es geht darum, was nicht geschrieben oder gesendet wird, also um eine Wahrheit, die unterdrückt wird. Die Frage ist nur: Was wäre eine Quelle, die diese "verschwiegene" Nachricht belegt, wie entsteht sie und wie ist die Glaubwürdigkeit der Quelle einzuschätzen, die als Beleg herangezogen wird?

Genau hier setzt aber ein verhängnisvoller Mechanismus ein, der eine Meinungsblase entstehen lässt. Nach dem Motto "Gleich und Gleich gesellt sich gerne" läuft Folgendes ab: Wenn ich mich in einem sozialen Netzwerk wie Facebook mit vielen Menschen befreunde, die im wesentlichen meine Meinung teilen, dann habe ich als Folge daraus subjektiv den Eindruck, dass meine Meinung die Mehrheit ist. Wenn jetzt in diesem Netzwerk Belege geteilt werden, die diese Meinung stützen, fühlt man sich bestätigt, es wird geliket, geklatscht und weitergeteilt - nach dem Motto: "Schau an, die kommen auch schon drauf, dass...". Wird aber etwas geteilt, das dem widerspricht oder das auch nur relativiert, ist es klar, dass diese gefühlte Minderheitenmeinung kritisch kommentiert wird. Und schon ist er da, der Eindruck: Da sind sie wieder, die da draußen, die sich ihre Welt zurechtlügen, die doch gar nicht mit unserer wahren Welt übereinstimmt. Da ist es nicht mehr weit zur "Lügenpresse", die sich beharrlich weigert, die Welt so zu sehen, wie wir sie für uns als erwiesen erachten.

"Ich mach‘ mir die Welt..."


Und genau da entsteht der Irrtum, der dem gnadenlosen Algorithmus der sozialen Medien geschuldet ist: Denn diese schöne Welt, ist ausschließlich meine eigene, kleine Welt, die ich mir mitunter durch jahrelanges sorgsames Adden, Teilen, Liken aber auch Blocken und Entfreunden zusammengestoppelt habe. Sie ist wie ein sorgsam getrimmter Vorgarten, in dem alles Störende weggeschnitten wurde. Oder wie ein Stammtisch, der aber nicht im Wirtshaus, sondern in einem abgeschlossenen Klubraum stattfindet: Rein darf nur (fast wie in einer Freimaurerloge!), wofür einer der Teilnehmer persönlich bürgt. Aber schon beim Nachbarn, beim Arbeitskollegen und erst recht bei den eigenen Kindern schaut diese Welt, wiewohl im selben vertrauten Rahmen auf dem Bildschirm, inhaltlich aber ganz anders aus. Da wird oft mit genau denselben Quellen hantiert, nur dass diese in einem völlig konträren Meinungsumfeld völlig anders rezipiert werden. Fiele der Algorithmus für einen Moment aus - man würde in seiner Timeline die Welt nicht wiedererkennen.

Und so schweben sie nebeneinander umher im Meinungsraum, lauter kleine Paralleluniversen der Meinung, die sich nicht berühren. Das ist natürlich der ideale Nährboden, um das Phänomen "Lügenpresse" wachsen und gedeihen zu lassen. Doch was ist der Vorwurf im Kern: Es wird nicht gesagt, wie die Dinge wirklich sind. Dass Journalisten ihre Worte vorsichtig wählen, dass gewichtet, abgewogen und jeder Text und jeder Beitrag einen Prozess des "peer review", also dem Lesen und Freigeben durch Kollegen durchläuft, kann man - wenn man böser Absicht ist - ja auch als Akt der internen Zensur auslegen. Noch schlimmer wäre es aus Sicht des Apologeten der "Lügenpresse", wüssten sie von der Existenz von Gremien der Selbstkontrolle, in denen sich Journalisten regelmäßig treffen, um zu beraten was geschrieben oder gezeigt werden darf und was nicht. So gesehen wäre das Selbstkontrollgremium der Presse, der Presserat - durch die Brille des schnaubenden Pegida-Wutbürgers betrachtet - ja sozusagen die "smoking gun" der Gleichschaltung. Das hier noch niemand mit einem fetten "Ha! Wir haben es immer gewusst!"-Schild durch die Gegend zieht, ist vermutlich der mangelnden Breitenwirkung des Presserates geschuldet.