Wien. (bau) Die Absage ist nicht überraschend, aber doch hart formuliert: Der ORF hat kein Interesse an der Verbreitung von digitalem Hörfunk im Standard DAB+. Dies teilte der öffentlich-rechtliche Sender der Medienbehörde KommAustria mit, die derzeit den Bedarf für Digitalradio in Österreich erhebt. Ohne zusätzliche Programme sei das für den ORF "sinnlos", sagt ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.

Dem ORF sind rechtlich die Hände gebunden, legt das ORF-Gesetz doch Anzahl und Ausrichtung der Programme genau fest. Der ORF kann daher nicht einfach neue Kanäle für DAB+ starten, ohne dass vorher das Gesetz geändert wird. Daher beschränkt man sich beim ORF vorerst darauf, die negativen Seiten zu betonen: DAB+ sei in keinem europäischen Land ein herausragender Erfolg, die Technik 30 Jahre alt, es gibt 15,5 Millionen UKW-Radiogeräte in Österreich, was den Umstieg schwierig macht, und ein forcierter Technologieumstieg gefährdet die Gattung Radio, fasste Wrabetz die Kernkritik zusammen. Für den ORF würde sich durch den notwendigen mehrjährigen Parallelbetrieb darüber hinaus eine Mehrbelastung von 50 Millionen Euro im Jahr ergeben, so der ORF-Chef.

"Ein Umstieg auf DAB+ kommt für den ORF nur dann in Frage, wenn alle Fragen der Finanzierung inklusive Tunnelversorgung geklärt sind und der Gesetzgeber dem ORF auch tatsächlich neue - auch publikumsattraktive - Programmformate ermöglicht." Im gesamten Ausbau der DAB+ Bedeckung sollten für den ORF mindestens fünf neue nationale Programme vorgesehen werden, zusätzlich müssten alle neun Regionalsender des ORF bundesweit verbreitet werden können, so der Wunsch des Senders. Wrabetz empfiehlt, die Entwicklung von Digitalradio auf anderen Märkten vorerst zu beobachten. "Nur weil es ein paar Radios und die Geräteindustrie wollen, sollten wir uns nicht in ein Abenteuer reinjagen lassen", meinte der ORF-General. Als negatives Beispiel führte Wrabetz auch die Umstellung auf digitales terrestrisches Fernsehen an. "Das hat vor allem deutschen Satellitensendern geholfen. Es braucht zuerst eine österreichische Content-Strategie und die Klärung der Finanzierung des Umstiegs."

Platzhirschen auf der Bremse

Die KommAustria ermittelt derzeit auf Basis ihres Digitalisierungskonzepts 2015 das Interesse an Digitalradio. Seit Mai des Vorjahres läuft in Wien ein erster Digitalradio-Testbetrieb mit rund 15 Radioprogrammen, darunter viele neue Spartensender. Neben bestehenden Sendern wie Radio Arabella, Radio NRJ oder Lounge FM strahlen dabei auch zehn neue Programme über den Digital-Standard DAB+ aus. Der ORF und der größte heimische Privatsender Kronehit machten dabei bisher nicht mit. Die Platzhirschen wollen den Umstieg von analogem auf digitales Radio möglichst lange hinauszögern, um ihre Marktanteile nicht zu gefährden.

Mit dem Digitalisierungskonzept der KommAustria sollen spätestens im ersten Halbjahr 2017 eine oder mehrere Bedeckungen für digitalen terrestrischen Hörfunk im DAB+-Standard ausgeschrieben werden, damit spätestens 2018 - parallel zur UKW-Verbreitung - der Regelbetrieb laufen kann. Neben Wien sollen weitere Hörfunkcluster im Osten Österreichs sowie in den Landeshauptstädten entstehen, die entlang der Hauptverkehrsadern zusammenwachsen. So soll im Großteil Österreichs Digitalradio zu empfangen sein. Im Endausbau wären 24 bis 30 bundesweite Radioprogramme in Österreich denkbar. Mit der Abschaltung von UKW ist dabei nicht vor 2024 zu rechnen. Für Radio-Arabella-Geschäftsführer Wolfgang Struber, der auch eine der treibenden Kräfte hinter dem in Wien laufenden Digitalradio-Testbetrieb ist, lässt sich der Zug Richtung Digitalradio jedenfalls nicht aufhalten. "Seit den Radiodays Europe in Paris ist klar, dass DAB+ zum Radio der Zukunft wird", sagte Struber. BBC, ARD, die Schweizer SRG und weitere europäische Radioveranstalter haben in Paris dieser Tage die Europäische Digitalradio Allianz gegründet. Aus Österreich ist Radio Arabella mit von der Partie.

In der Allianz haben sich öffentlich-rechtliche und private Sender zusammengeschlossen, die gemeinsam mehr als 300 Radiostationen in mehr als einem Dutzend Ländern betreiben und rund 130 Millionen Hörer erreichen. "Digitalradio bringt enorme Vorteile, aber wir haben bei seiner Einführung zu lange auf die nationale Ebene gesetzt. Jetzt, wo DAB+ zum Radio der Zukunft wird, ist Europa gefordert", heißt es bei BBC.