Wer vor der Aufgabe steht, noch kurz vor Zugabfahrt in der Bahnhofsbuchhandlung ein passendes Magazin für den sich sonst potenziell langweilenden Nachwuchs zu kaufen, hat gute Chancen, den Zug zu verpassen: Übervolle Regalreihen, wuchtige Verpackungstaschen aus Plastik, grelle Schriften und eine Vielfalt, die dem ungeübten Käufer fast schummrig vor den Augen werden lässt. In mehreren Regalen sind Reihe um Reihe prall gefüllt -dutzende Titel aus den verschiedensten Sparten buhlen um die Aufmerksamkeit des Nachwuchses und jener, die die Brieftasche mithaben.

Die Hefte sind schön getrennt in den offenbar für universal verständlich angesehenen Leitfarben Rosa und Blau (wer es nicht erraten hat: Mädchen und Buben). "Prinzessin Lillifee", "Mia and Me", "Bob der Baumeister", "Lego Friends", "Star Wars", "Disneys Violetta" - jede Fernsehserie und auch jeder Spielzeughersteller hat hier mehrere eigene Hefte. Und manche sogar noch einen Rätsel- oder einen Bastelableger zusätzlich. Und dann natürlich auch noch die Tierhefte in den unterschiedlichsten Altersstufen. Vom Kindergartenkind bis hinaus zur magischen Grenze der Pubertät ist die Auswahl üppig - danach sind bekanntlich schlagartig die Musik- oder Fashion-Hefte wie "Bravo" oder "Joy" zuständig.

Einer der Klassiker der Mädchenhefte, das Pferdeheft "Wendy", feiert soeben seinen 30. Geburtstag. 1986 wurde die Idee eines Heftes für Mädchen zwischen 8 und 13, die Pferde mögen, erstmals konkret. Mit einer Lizenz für die "Wendy"-Comics in der Tasche ging man beim Verlag Egmont Ehapa daran, rund um die Comics ein Pferdeheft zu stricken. Zunächst nur ein Experiment, wurde das Heft im Juni 1986 ein großer Erfolg. Die Startauflage von 41.000 wurde in Kürze verdoppelt. Auch heute noch gehen 90.000 Hefte alle drei Wochen über den Ladentisch. Mit 3,50 Euro ist "Wendy" dabei noch ein günstiges Heft.

Denn billig ist der Lesestoff für den Nachwuchs grundsätzlich nicht: Bis weit über sechs Euro kosten die Hefte. Ein stolzer Preis bedenkt man, dass man den "Spiegel" um 4,60 und "Geo" um 7 Euro haben könnte. Als Rechtfertigung dafür mag die Spielzeug-Beilage dienen, ohne die kaum ein Heft an den Buben oder das Mädchen zu bringen scheint. Schminksets, Bürsten, Sticker, Ketten, Haarspangen, Spielzeugwerkzeug, Figuren von Lego, Playmobil oder Schleich, Smartphoneattrappen oder kleine digitale Spiele - hier wird mit Plastikschrott nicht gespart. Spielzeug, das in der Regel nur kurz gebraucht wird, weil es dann uninteressant oder schon längst auseinandergefallen ist. Der freie Wettbewerb zwischen den Verlagen scheint hier zu funktionieren: Wer das größere rosa Plastikteil dazupackt, wird gekauft.