• vom 13.07.2016, 16:53 Uhr

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Update: 13.07.2016, 16:53 Uhr

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Von Bernhard Baumgartner

  • Mit "Pokémon Go" brechen sich Augmented-Reality-Spiele spektakulär ihre Bahn in den Mainstream.

Pikachu, das Maskottchen des Pokémon-Franchises. Das gelbe Elektro-Pokemon ist auch bei "Pokémon Go" mit an Bord. - © picturedesk

Pikachu, das Maskottchen des Pokémon-Franchises. Das gelbe Elektro-Pokemon ist auch bei "Pokémon Go" mit an Bord. © picturedesk

In das Kamera-Bild wird ein Pokémon eingesetzt.

In das Kamera-Bild wird ein Pokémon eingesetzt.© Reuters/Helgren In das Kamera-Bild wird ein Pokémon eingesetzt.© Reuters/Helgren

Wien. Glurak, Nidoqueen oder Pikachu: Wenn Ihnen diese Namen etwas sagen, haben Sie in den Neunziger Jahren Zeit mit dem Starren auf den kleinen, und aus heutiger Sicht absurd pixeligen, Schirm des Gameboy zugebracht. Dort haben Sie Ihre "Pokémons" - digitale Kampf-Tierchen - gefangen, trainiert und sie damit verbessert, sodass sie jeden Kampf in der digitalen Arena gewinnen können. Man darf gratulieren, denn dieses nerdige Wissen bietet nun einen Vorsprung: Die 721 Pokémons der Neunziger haben den Sprung in unsere Zeit geschafft.

Ihr neuer Lebensraum ist zwar auch digital, aber in gewisser Weise auch real. Denn die Pokemons von heute haben nicht mehr den kleinen Bildschirm, sondern den ganzen Erdball zu ihrem Spielfeld erkoren. Will man sie heute fangen, braucht man die App "Pokémon Go". Dann besucht man die Pokémons an ihrem Standort. Dort wird über die Kamera im Smartphone ein reales Bild der Gegend auf den Schirm gebracht - nur, dass darin ein Pokémon eingeblendet wird. Wenn man so will, sieht man also in der virtuellen Welt, was in der realen Welt nicht zu sehen ist. Meldet also das GPS-Modul des Smartphones, dass man bei einem Pokémon ist, sieht man dieses im Display. Man kann es mit digitalen "Pokebällen" fangen, sie trainieren und sammeln. Und das kann bei 721 Pokémons, darunter einige sehr selten, durchaus dauern - und dazu führen, dass manche Spieler wieder entdecken, dass man Strecken auch zu Fuß zurücklegen kann. Denn die Pokémons sind überall, und nicht alles ist mit dem Auto erreichbar.


Mit "Pokémon Go" ist Niantic in Zusammenarbeit mit Google und Nintendo ein wahrer Hit gelungen. Obwohl die App erst in den USA und in Asien aktiv ist und gestern auch in Deutschland gestartet ist, hat sie einen weltweiten Hype ausgelöst. Millionen Menschen sind auf intensiver Suche nach Pokémons und die sozialen Medien haben den Hype auch nach Europa transportiert, wo sich immer mehr Menschen empört fragen, wieso sie nicht auch spielen dürfen und wie Niantic dazu kommt, nicht überall gleichzeitig zu starten.

Hintergrund ist dabei eine Überlastung der Server, die man viel zu klein dimensioniert hat. Offenbar hatte man mit so einem Erfolg nicht gerechnet. Die App hat zuletzt sogar die Dating-App Tinder an aktiven Usern überholt, was bemerkenswert ist.

Natürlich ist "Pokémon Go" nicht die erste App, die erfolgreich mit Virtual Reality arbeitet. Aber es ist wohl jene App, die das Phänomen endgültig in den Mainstream katapultieren wird. Denn der Einschlag war so gewaltig, dass sich viele Nachahmer finden werden und man davon ausgehen kann, dass Virtual Reality in wenigen Jahren so gut wie überall Standard sein dürfte.

Googles Fängen entkommen
Niantic Labs, dessen Gründer John Hanke bei Google bis zu seinem Ausscheiden für die Entwicklung von Google Earth verantwortlich war, baut dabei auf seinen eigenen Entwicklungen auf. Etwa dem futuristischen Agenten-Spiel "Ingress", das im Wesentlichen dieselbe Technologie verwendet. Die "Portals" - markante Punkte im öffentlichen Raum, die die Mitspieler freiwillige für Niantic definieren konnten - werden nun auch als Fundstätte und Arenas für Pokémons verwertet. Statt der SciFi-Optik von "Ingress" bekommt man bei "Pokémon Go" eine mainstreamtaugliche Variante, die für die ganze Familie Spaß bieten soll. Auch "Ingress" war bereits nicht unerfolgreich: Eine Million Spieler sind nicht nichts, für den ganz großen Erfolg hat es aber nicht gereicht.

Der Erfolg kam erst, als John Hanke die Idee hatte, für seine Virtual-Reality-Entwicklung die alte Pokémon-Welt auszugraben. Google, wie auch Nintendo, steuerten Geld zu einem 30-Millionen-Dollar-Entwicklungspot bei, ein Investment, das sich in kurzer Zeit überamortisieren wird. Denn in der App hat man die Möglichkeit, sich mit echtem Geld Vorteile zu verschaffen. Sogenannte In-App-Käufe, also eine an sich kostenlose Gratis-Variante mit zusätzlich optionalen Erweiterungen, ist ein gängiges Business-Modell, das auch bei anderen Spielen wie "Farmville" oder "Hayday" hervorragend funktioniert.

Auch Google selbst wurde von dem Erfolg kalt erwischt, immerhin hatte man John Hanke mit Niantic Labs bei der Umgruppierung der Google-Gruppe zu Alphabet 2015 ziehen lassen. Somit muss man jetzt teilen, ärgerlicherweise auch mit Apple, da das Spiel ja auch auf dem iPhone verwertet wird. Und dennoch braucht man sich um Google keine Sorgen zu machen. Denn alleine die Bewegungs-Daten von Millionen an Nutzern, die hier generiert werden, sind Gold wert. Wohl nicht aus reinem Zufall hat man sich in der iPhone-Version die allerhöchste Zugriffstufe auf so gut wie alle Daten des iPhones sichern lassen. Laut Niantic ist das ein "Bug", der nun repariert werden soll, woran jedoch kaum jemand so recht glauben mag. Somit hätte die App so gut wie alles auf dem iPhone mitlesen können, inklusive Kontakte und Mails - eine Daten-Aggregation, für die es wahrlich keinen Grund gibt und die an Selbstaufgabe jeder Privacy grenzt.

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Schlagwörter

Medien, Digital, Pokemon

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-13 16:44:07
Letzte Änderung am 2016-07-13 16:53:23


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