Los Angeles. So egal es den Portugiesen sein wird, aber Bill Simmons durfte sich am Sonntag wieder einmal bestätigt fühlen. Nachdem Cristiano Ronaldo, die einzig wahre lusitanische Spitzenkraft im Finale der Euro 2016, verletzungsbedingt früh das Feld verlassen musste, gab es kaum noch Experten, die seiner Mannschaft Siegchancen einräumten. Die Franzosen ohne die Geniestreiche des Real-Madrid-Sturmtanks zu biegen, lautete der einhellige Tenor, sei ungefähr so wahrscheinlich wie ein Europameister Österreich. Am Ende stand es 1:0 zugunsten Portugals. Frankreich fand sich im Tal der Tränen wieder - und die praktische Manifestation der von Simmons in den USA populär gemachten "Ewing Theory" hatte ihre Bestätigung auf dem mottenverseuchten Feld des Stade de France erfahren.

Die nach Patrick Ewing, dem langjährigen Superstar der Basketballer von den New York Knickerbockers benannte Theorie wurde Mitte der Neunziger geboren und besagt Folgendes: Wenn sich ein Spieler, der alle anderen in seinem Team in seinen Fähigkeiten deutlich überragt, an einer entscheidenden Partie oder Spielserie verletzungs- oder strafbedingt nicht teilnehmen kann, wird nämliches nicht trotzdem, sondern genau deshalb gewinnen. Egal, in welcher Sportart. (Ewing, der von 1985 bis 2000 den Madison Square Garden verzauberte, gewann mit den Knicks kein einziges Mal die NBA; aber nahezu jedesmal, wenn er in den Play-offs ausfiel, siegten sie dennoch.) Auch wenn die "Ewing Theory" nicht auf William "Bill" J. Simmons’ eigenem Mist gewachsen ist (ein Freund von ihm hatte sie als Erster formuliert): Ohne ihn wäre sie nicht zum Allgemeingut im amerikanischen Sprachgebrauch geworden. Nur ein Beispiel, wenn auch eines der prominentesten, für die mittlerweile weit über seinen ureigenen Tätigkeitsbereich hinaus gehende Strahlkraft von Herrn Simmons.

Jüngst feierte seine neue Fernsehshow "Any Given Wednesday" Premiere, eine Art "Sport am Montag" für die Generation Y. Ausgestrahlt wird sie wöchentlich auf dem sich im Besitz des Time-Warner-Konzerns befindlichen Senders HBO, kurz für Home Box Office. Der älteste und berühmteste Pay-TV-Sender der USA, der seinen Milliarden-Umsatz Serien-Welterfolgen wie "Sex and the City", "Die Sopranos", "The Wire" und heute "Game of Thrones" (GoT) verdankt, hat dem 46-Jährigen quasi den roten Teppich ausgerollt. Neben "Any Given Wednesday" produziert Simmons für HBO die stets unmittelbar an die jeweils letzte GoT-Folge anschließende Talkshow "After the Thrones". Die besteht im Wesentlichen darin, dass eine Gruppe von Simmons handverlesener Super-Fans die dramaturgische Finessen des soeben Gesehenen analysiert. Weil er mit all dem noch immer nicht ausgelastet ist, gründete er jetzt zudem die Bill Simmons Media Group, die das Online-Portal "The Ringer" (theringer.com) betreibt. Dessen Schwerpunkt liegt auf Sport- und Popkulturberichterstattung im weitesten Sinn. Nicht schlecht für einen lange arbeitslosen Ex-Lokaljournalisten, der bis Ende der Neunziger sein Auskommen als Kellner finden musste.

Simmons’ Aufstieg zum gefeierten Quoten- und Klickbringer ist hart erkämpft. Lohn der Ausdauer ist eine scheinbar unwiderstehliche Formel, die sich aus enormem sportlichen Fachwissen, mangelnder Scheu vor der Preisgabe persönlicher Anekdoten sowie aus einer Fülle an popkulturellen Referenzen speist - und deshalb als eine der wenigen wirklich zukunftsträchtigen in der Medienwelt des 21. Jahrhunderts gilt.

Nach Abschluss des Journalismus- und Politikwissenschaft-Studiums in Boston - Simmons wuchs in der nur einen Steinwurf entfernten Kleinstadt Marlborough, Massachusetts, auf - heuerte der leidenschaftliche Basketballfan zunächst bei der einen, dann bei einer anderen Lokalzeitung an. Nachdem er da wie dort keinen Fuß auf den Boden bekam, musste er sich fortan als Kellner durchschlagen. Was ihm seine ungewöhnliche Karriere ermöglichte, betont er bis heute: "Ohne das Internet wäre ich nicht, wo ich heute bin." Früher als andere - wir sprechen von Mitte bis Ende der Neunziger, als sich viele Printjournalisten in den USA wie in Europa noch fragten, ob eine "Surfstation" pro Ressort nicht ausreiche - erkannte Simmons die Möglichkeiten.

Nachdem er ein paar Bekannte beim lokalen Ableger des Internet-Versorgers AOL bearbeitet hatte, gaben die ihm Raum für eine Kolumne auf ihrer Website. "The Boston Sports Guy", in dem Simmons mindestens einmal wöchentlich seinen intelligenten, aber extrem lokalpatriotisch geprägten Senf zum lokalen Sportgeschehen gab, war geboren. (Simmons: "Ich kann bis heute nicht verstehen, wie man als Sportreporter unparteiisch sein kann.") Der Rest ist Legende.

Binnen der nächsten vier Jahre fand die Kolumne eine weit über die Grenzen Bostons hinaus reichende Leserschaft und führte 2001 zu einem Engagement bei ESPN, dem größten Sportsender der Welt. Die zum Disney-Konzern gehörende Mediengruppe ermöglichte Simmons einerseits, mit seinen mitunter etwas gar flott formulierten Texten ein Massenpublikum zu erreichen.