Hossein Derakhshan hatte große Hoffnungen mit dem Internet und seinem Freiheitsversprechen verbunden. Der iranisch-kanadische Autor und Journalist gilt als einer der Pioniere der Blogger- und Podcast-Bewegung im Iran - so verfasste er etwa im Jahr 2001 eine Anleitung auf Persisch, wie man einen Blog beginnt. Wegen seines politischen Engagements saß er für sechs Jahre in Teheran im Gefängnis. Als er 2014 wieder frei war, hatte sich das Internet radikal verändert - und Derakhshan sieht dessen Entwicklung nun gar als Gefahr für die Demokratie an. Warum, erklärt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung": Sie kritisieren, dass das Streamen von Videos in den Sozialen Medien wie Facebook oder Twitter immer stärker Mode wird. Was stört Sie daran?

Hossein Derakhshan: Das Fernsehen war immer eine Gefahr, wenn es darum ging, dass Bürger Entscheidungen informiert treffen. Aber das Internet basierte zunächst auf Worten und Texten, es war ein Raum für Gedanken. Damit setzte es dem Fernsehen etwas entgegen. Aber nun mit dem Aufkommen der Sozialen Medien, und besonders mit dem Erstarken von Facebook, hat sich das Internet von einem Raum der Worte in einen Raum der Bilder verwandelt. Gleichzeitig erleben wir einen Rückgang des Text- und Print-Journalismus. Das ist die Krise, in der wir uns befinden.

Aber was ist an Bildern und Videos so schlecht? Sie können doch auch Inhalte vermitteln.

Bilder und Videos wecken Emotionen, aber können keine komplexen Botschaften transportieren. Dafür benötigen wir Sätze und Argumente. Wir beobachten nun, dass vor allem Demagogen Emotionen wecken, um ihre rückständige Politik zu verkaufen. Und in den meisten Gesellschaften kippt der Großteil der Bevölkerung immer mehr in Bilder hinein. Das Fernsehen hat bereits seinen Schaden hinterlassen, und nun wird auch das Internet immer mehr wie Fernsehen.

Welche Auswirkungen hat das auf Demokratien?

Demokratien können nicht funktionieren, wenn sie auf Emotionen basieren. Bürger sollten in ihr ihre Entscheidung, wenn sie wählen, intellektuell abwägen. Aber aufgrund des Fernsehens zeichnet sich immer mehr ab, dass das Wählen zum reinen Popularitätswettbewerb wird. Und dann gewinnt die Wahl nicht der Politiker, der die besseren Argumente hat, sondern derjenige, der mehr Freude, mehr Ärger, sprich mehr Emotionen, wecken kann. So argumentierte ja auch Neil Postman (Medientheoretiker und Ikone der TV-Kritik, Anm.). Von ihm stammt die berühmte These: Seriöses Fernsehen ist ein Witz, es kann seiner Natur nach nicht seriös sein.

Und auf Facebook schauen sich die Nutzer Videos gerade einmal für ein paar Sekunden an und springen gleich zum nächsten . . .

Ja, im Internet ist die Lage noch viel schlimmer. Nicht nur ist die Aufmerksamkeitsspanne viel geringer. Darüber hinaus liegt die Verbreitung von Inhalten in der Hand von privaten Konzernen wie Facebook. Auch wenn etwa ein Sender wie BBC gute Dokumentationen dreht, dann kann er sie zwar veröffentlichen, aber er kann sie nicht verbreiten. Er braucht dafür Facebook, das die Distribution von journalistischen Inhalten stark dominiert. Diejenigen, die die Inhalte produzieren, können sie nur noch beschränkt in die Öffentlichkeit bringen.

Aber öffnet das nicht gerade den Diskurs? Früher konnten nur die Mächtigen an den Schalthebeln der Medien Inhalte und Meinungen in die Öffentlichkeit bringen, heute kann das jeder Facebook-Nutzer.

Nun liegt die Entscheidung, welche Inhalte verbreitet werden, in der Hand von ein paar wenigen Personen in Privatkonzernen. Ich sehe hier keinen großen Unterschied. Auch aus einem anderen Grund ist die Annahme, dass Soziale Medien die freie Meinungsäußerung fördern, ein Irrtum. Es stimmt schon, dass nun Milliarden Menschen in den Sozialen Medien reden. Aber wer hört ihnen zu? Es ist, als würden Milliarden Menschen Selbstgespräche in ihren Badezimmern führen.

Es gab ja auch die große Hoffnung, dass das Internet in autokratischen Ländern die Demokratie fördert. Ist diese Hoffnung auch gestorben?

Das ist schwierig zu beantworten. Nachdem die Verbreitung von Inhalten durch ein paar große Konzerne monopolisiert wurde, fällt es jedenfalls autokratischen Staaten nun leicht, unliebsame Inhalte herauszufiltern und zu blockieren. Als das Bloggen am Höhepunkt war, gab es tausende verschiedene Domains und Adressen, und es war viel schwieriger, all diese auf einmal zu blockieren.

Sehen sie einen Ausweg aus dem Dilemma, das Sie skizzieren?

Theoretisch ja, praktisch weiß ich nicht, wie das funktionieren soll, wenn die Leute nicht der Sozialen Medien müde werden. Vielleicht gibt es ja in einigen Jahren neue Trends, eine Wiederbelebung des Open Web, das ja ein dezentralisierter, vielschichtiger Ort war, ein Revival von Texten oder Hyperlinks. Jedenfalls gibt es die Möglichkeit des Aktivismus, um diesen Raum wiederzubeleben. Denn von seinem Wesen her ist das Internet ein sehr dezentralisierter und vielfältiger Ort. Die sozialen Medien arbeiten aber gegen diese Architektur des Internets, sie zentralisieren es, und darin wurzelt das Problem.