• vom 04.08.2016, 20:30 Uhr

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Update: 04.08.2016, 21:28 Uhr

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Novize versus Klüngel




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Von Heike Hausensteiner

  • Nicht erst Donald Trumps Erfolg zeigt: Populistische Sprache kommt an. Politische Beobachter und Journalisten sollten sich daher zunehmend mit Kognitionsforschung auseinandersetzen.

- © Illustration: Saul Herrera/Getty

© Illustration: Saul Herrera/Getty

Wien. Ob in Europa oder den USA, populistische Kandidaten aller Länder erleben immer mehr Zulauf. Wobei linker und rechter Populismus eines gemeinsam haben: "Die Story vom Aufstand gegen das Establishment", so Elisabeth Wehling. "Die Populisten als vermeintliche Polit-Novizen stellen sich an die Seite des kleinen Mannes und kämpfen gegen den Polit-Klüngel, der sich zwar für den eigenen Machterhalt, nicht aber den Menschen interessiert." Der Unterschied liegt nach Ansicht der Sprachwissenschafterin in den Werten, die propagiert werden. "Rechts gibt es sogenannte strenge Werte, wie nationales Eigeninteresse, Ordnung und Disziplin. Links gibt es das, was die Forschung als fürsorgliche Werte kennt, etwa soziale Fürsorge, Gegenseitigkeit und Schutz vor sozialer Aggression gegen Minderheiten."

Kein abstrakter Polit-Talk
Ist Politik ohne sprachlichen Populismus überhaupt machbar? Äußert sich dieser im Schüren von Angst und Aggression sowie in stark vereinfachten Lösungen, "die jegliche systemische Kausalität ausblenden", ist die klare Antwort der Linguistin: "Die Demokratie kommt nicht nur ohne sprachlichen Populismus aus, sie ist auch gesünder ohne ihn und kann besser für sich sorgen, etwa durch langfristige Lösungen systemischer Problembereiche wie Wirtschaft, Umwelt, Armut und Kriminalität." Was allerdings populistische Kommunikation demokratischer mache als "den üblichen, abstrakten Polit-Talk" sind konkrete Sprache und das deutliche Benennen von Wertvorstellungen. "Da haben die Großparteien Nachholbedarf", betont Wehling gegenüber der "Wiener Zeitung". Elisabeth Wehling studierte neben Linguistik auch Kommunikationspsychologie, Journalistik und Soziologie. Sie lehrt und forscht an der University of California in Berkeley. Gemeinsam mit dem Neurolinguisten George Lakoff schrieb sie das Buch "Auf leisen Sohlen ins Gehirn" über politische Sprache und ihre heimliche Macht. Dieses Jahr erschien ihr Buch "Politisches Framing", in dem sie sich damit befasst, "wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" (edition medienpraxis, Köln).


"Frames" sind Deutungsrahmen, die in unseren Gehirnen durch unsere Erfahrung entstanden sind. Kein Wort könne außerhalb von Frames, also ohne Assoziationen, gedacht, ausgesprochen und verarbeitet werden. Viele Deutungsrahmen seien kulturell-ideologisch geprägt, daher können ein und dieselben Fakten ganz unterschiedliche Dinge bedeuten. "Das ist im politischen Streit immer der Fall." Wehling verweist etwa auf die Anschläge von Orlando. "Ein Event, 49 Tote, aber zwei Frames." Denn in den USA sprachen Demokraten von einem "hate crime" und "mass shooting", weil sie das Problem in der Gewalt gegen Minderheiten und den Waffengesetzen sahen. Republikaner nannten es hingegen einen "Islamic terrorist attack" und verwiesen auf das Problem des radikalisierten Islam.

Ist eine neutrale Sprache, die "die Wahrheit" sagt, überhaupt möglich? Hier sei bei der Idee von "objektiver Wahrheit" anzusetzen. Die moderne Kognitionsforschung liege in der philosophischen Tradition des "verkörperlichten Realismus", erläutert die Sprachforscherin. "Wir sagen: Die Welt ist real, und wir nehmen sie mithilfe unseres Gehirns und Körpers wahr, was einen Filter bedeutet." Neben den Konzepten, die sich durch Kulturen oder Ideologien bedingen, existieren auch universelle Filter. Etwa die Metapher "mehr ist oben", aufgrund derer wir sagen, dass Preise "steigen" und unser Gewicht "fällt".

Im Journalismus sieht Elisabeth Wehling denn auch Raum nach oben, wenn es darum geht, noch sorgsamer mit Sprache und den Frames, die sich hinter ihr verstecken, umzugehen. "Ich rate Medienschaffenden immer dazu, sich mit dem zu befassen, was wir neuronal-kognitive Aufklärung nennen: eine Aufklärung im Sinne neuester Erkenntnisse zu Gehirn und Sprache."

Die größte Verpflichtung im demokratischen Miteinander haben laut Wehling aber die politischen Parteien und Meinungsmacher, inklusive Meinungsjournalisten. "Hier ist es ganz besonders geboten, die eigene Sprache immer daraufhin zu überdenken, ob sie den Werten, die einen politisch umtreiben, auch wirklich entspricht. Viele machen sich diese Mühe nicht und kommunizieren einfach im Frame ihrer politischen Gegner." In der Berichterstattung gehe es je nach Format darum, möglichst unparteiisch zu berichten oder die eigene subjektive Meinung möglichst gut zu vermitteln. "Beides geht nur, wenn man über die neuesten Erkenntnisse der Kognitionsforschung informiert ist. An der Universität Berkeley werben wir seit Jahren dafür, die Kognitions- und Ideologieforschung als Pflichtfach in Studiengänge wie Journalismus, Jus und Public Policy aufzunehmen und haben damit zunehmend Erfolg."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-04 16:59:05
Letzte Änderung am 2016-08-04 21:28:45


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