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Update: 09.08.2016, 16:11 Uhr

Serie

Die Bronx ist nicht Disneyland




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Von Michael Ortner

  • Baz Luhrmann inszeniert mit "The Get Down" ein kitschiges, aber originalgetreues Hip-Hop-Märchen.

Plattenakrobatik: Shaolin Fantastic (r.) schaut sich von Grandmaster Flash ein paar Tricks ab.

Plattenakrobatik: Shaolin Fantastic (r.) schaut sich von Grandmaster Flash ein paar Tricks ab.© Netflix Plattenakrobatik: Shaolin Fantastic (r.) schaut sich von Grandmaster Flash ein paar Tricks ab.© Netflix

Die eine Geschichte beginnt in Apartment 16 G in einer der zahlreichen Sozialbauten in der South Bronx. Dort wohnt Ezekiel Figuero, ein junger Poet puerto-ricanischer Abstammung, der sich seiner Begabung für Reime noch nicht richtig bewusst ist. Sein Herz schlägt für Mylene Cruz, Tochter eines erzkonservativen Priesters, die nur zu gern aus ihrer braven Chormädchenrolle ausbrechen möchte. Ezekiels Freund "Dizzee" hingegen träumt vielmehr davon, die stahlgrauen U-Bahn-Garnituren in rollende Gemäldegalerien zu verwandeln.

Es ist das Jahr 1977: Während auf den Kinoleinwänden "Star Wars" läuft, herrscht draußen auf den Straßen ein realer Krieg zwischen verfeindeten Banden. New York City ist seit zwei Jahren bankrott, Sozialausgaben wurden gestrichen. Tausende Polizisten und Lehrer verlieren ihren Job. Jeden Tag brennen an irgendeiner Ecke der South Bronx "Projects", Sozialwohnungen der Stadt. Der rücksichtslose Weg der Besitzer, das Geld von den Versicherungen zu kassieren.

Als der Hip Hop geboren wurde

Doch genau in diesem von Verfall und Verwahrlosung gezeichneten multiethnischen Milieu keimte eine lebendige, zunächst von der Außenwelt kaum wahrgenommene Jugendsubkultur: Hip Hop. Das ist die andere Geschichte, die Regisseur Baz Luhrmann ("Moulin Rouge") in der von Sony produzierten Musikserie "The Get Down" in 13 Episoden erzählt und von denen sechs ab Freitag auf Netflix abrufbar sind.

Doch den Hip Hop - zunächst noch gar nicht unter diesem Namen bekannt - galt es auch für Ezekiel und seine Freunde erst zu entdecken. Noch ist Disco-Musik angesagt, die Hosen haben Schlag, die Hemden sind weit ausgeschnitten. Regisseur Luhrmann setzt dabei auf ausschweifende Tanz- und Gesangsszenen, für die er Schauspieler vom Broadway engagierte. Die bunte, schwelgerische Bildsprache passt dabei nicht immer ins historische Bild der von Gewalt und Armut geprägten South Bronx. Shaolin Fantastic - schwarzer Graffiti-Maler, Drogendealer und Plattenbeschaffer in Personalunion - bringt den Alltag auf den Punkt: "This ain’t Disneyland, it’s the fucking Bronx."

Er ist es, der in seinen legendären roten Puma-Sneakers Ezekiel und seine Freunde auf die geheime Party namens "The Get Down" entführt. Ein verlassenes Gebäude, in dem der DJ nicht wie bisher die Platten nur auflegt, sondern durch akrobatische Bewegungen einen neuen Mix erzeugt. Breakdancer liefern sich sogenannte "Battles", der Rap klingt noch holprig. Hier schlägt die Geburtsstunde von Hip Hop.

Um die nötige Authentizität zu erzeugen, ließ sich Luhrmann unter anderem von Grandmaster Flash, einem der ersten Hip-Hop-DJs, und Nelson George, einem bekannten Musikjournalisten, beraten. Das gelingt Luhrmann auch. Cartoonhafte Szenen unterlegte der Australier mit Kung-Fu-Melodien und er schnitt Original-Videomaterial aus den 70ern dazu. Sein Team achtete auf kleinste Details, etwa, dass die Schauspieler die Mikrofone halten wie die Rapper damals.

Inspiriert von Kung Fu

Auch wenn "The Get Down" an vielen Stellen zu romantisch gerät, die Musik zum Teil nervt und die Serie mehr an ein Highschool-Musical erinnert, so dreht es sich im Kern doch um das klassische Heldenepos. Und auch hier schafft es der Regisseur, originalgetreu zu arbeiten. Seine Helden, Ezekiel, Shaolin und "Dizzee" sind wie die ersten Graffiti-Maler und Breaker in New York Puerto Ricaner und Afroamerikaner. Die Inspiration für ihre Bewegungen und Namen holten sie sich aus Kung-Fu-Filmen mit Bruce Lee und Comics.

Zwölf Millionen Euro soll eine Folge von "The Get Down" gekostet haben. Das würde sogar "Game of Thrones" übertreffen, das bisher als teuerste Produktion galt. Um auf dem hart umkämpften Serienmarkt mitzumischen, geht Netflix somit ein enormes finanzielles Risiko ein. Dass man mit dem Setting im New York der 1970er-Jahre nicht unbedingt auf das richtige Pferd gesetzt haben könnte, zeigt HBO. Der Abosender ließ Martin Scorsese und Mick Jagger die Serie "Vinyl" produzieren, die im glitzernden und drogenverseuchten Plattenbusiness dieser Ära verortet ist. Schlussendlich blies HBO aber wegen zu geringer Zuschauerzahlen die zweite Staffel ab.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-08-09 16:02:05
Letzte Änderung am 2016-08-09 16:11:50



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