Am Ende ging es dann zügig: Kurz nach 15.30 Uhr beschloss der ORF-Stiftungsrat, dass der amtierende ORF-Chef Alexander Wrabetz weitere fünf Jahre im Amt bleiben wird. Es war eine knappe Entscheidung: 18 Stimmen für den von der SPÖ unterstützten Wrabetz, 15 Stimmen für seinen bürgerlichen Gegenkandidaten Richard Grasl. Zwei Stiftungsräte, Betriebsrätin Gudrun Stindl und Franz Küberl (katholische Kirche), die beide dem Vernehmen nach zuletzt auf der Seite von Richard Grasl waren, enthielten sich der Stimme.

Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.
Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.

Wrabetzs Gegenkandidat, Finanzdirektor Richard Grasl, gratulierte Wrabetz zur Wahl. "Ich habe in meinem Konzept viele gute Ideen eingebracht und hoffe darauf, dass einiges davon verwirklicht wird", zeigte sich Grasl optimistisch. Er werde mit Wrabetz in den kommenden Wochen Gespräche hinsichtlich einer weiteren Zusammenarbeit führen. Wrabetz hatte für den Fall von Grasls Kandidatur angedeutet, dass er sich Grasl nicht mehr in der Geschäftsführung vorstellen kann.

Wrabetz freute sich in einer ersten Reaktion über das neuerliche Vertrauen in ihn, die Geschicke des ORF in den kommenden Jahren zu führen. Über einen Verbleib Grasls wollte Wrabetz nichts sagen: "Dazu ist jetzt sicher nicht der Zeitpunkt."

Wrabetz gegen Grasl - dass es überhaupt zu diesem Duell im eigenen Haus kommen konnte, hat eine längere Vorgeschichte. Tatsächlich hängt der Haussegen zwischen den beiden charismatischen Führungspersönlichkeiten schon länger schief. Bei der anstandslosen Neubestellung von Wrabetz im Jahr 2011 stimmte die ÖVP mit, was Wrabetz eine satte Mehrheit bescherte. Der Preis dafür war eine Ausweitung der Kompetenzen des kaufmännischen Direktors, der nun über die Programmwirtschaft deutlich mehr Einfluss auf Projekte nehmen konnte, die einer Genehmigung durch die kaufmännische Direktion bedürfen. Keine angenehme Situation.

Dass ein Finanzdirektor gegen einen amtierenden Generaldirektor antrat, ist nicht ungewöhnlich: Schließlich war Wrabetz selbst auch bereits acht Jahre kaufmännischer Direktor gewesen, als er 2006 die unbeliebte bürgerliche Direktorin Monika Lindner mit einer bunten Koalition gegen die bürgerliche Fraktion im Stiftungsrat erfolgreich entmachtete. Dass Wrabetz nun eine Wiederholung der Geschichte zu seinen Lasten verhindern konnte, ist das Produkt von harten Verhandlungen im Vorfeld. Wrabetz hatte dabei die besseren Karten: Er konnte schon viermal eine Mehrheit für sich schmieden und weiß genau, wie die handelnden Akteure zu knacken sind.

Diese Wahl darf ohne weiteres als Meisterstück in Wrabetz persönliche Geschichte eingehen. Schließlich hatte er sich neben Neos-Stiftungsrat und Puls4-Juror Hans Peter Haselsteiner erfolgreich die Unterstützung des Grünen Stiftungsrates Wilfried Embachers gesichert - und das gegen den Willen von dessen Parteiführung, wie Embacher der "Wiener Zeitung" bestätigt. Kreise um Grünen-Chefin Eva Glawischnig und das Team des erfolgreichen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen hatten geraten, zu Grasl zu wechseln, da man dem Vernehmen nach mit der Behandlung der Grünen im Wahlkampf unzufrieden war. Embacher jedoch blieb bei Wrabetz.

Die neuerliche Wahl von Wrabetz ist die Variante, die im ORF zu geringeren Umbrüchen führen wird. Das Direktorium dürfte über weite Teile unverändert bleiben, Fernsehdirektorin Kathrin Zechner ist unbestritten, auch Technikchef Michael Götzhaber wird bleiben. Die Radiodirektion ist nach der Pensionierung von Karl Amon ohnehin neu zu besetzen. Ob Wrabetz nun tatsächlich Richard Grasl aus dem Direktorium entfernen wird, dürfte wohl noch Gegenstand von Verhandlungen sein.

Wrabetz hat weiters eine neue Struktur für die zweite Ebene mit Chefredakteuren auf Sendungsebene und Channel-Manager für ORFeins und ORF2 angekündigt. Diese werden jedoch nicht mehr der Fernsehdirektion unterstellt sein, sondern berichten direkt an den Generaldirektor. Kritiker sehen darin letztlich eine deutliche Zunahme an Einfluss für den Generaldirektor.

Auf Wrabetz warten indessen auch abseits der Politik große Baustellen. So kann man derzeit mit ORFeins nicht zufrieden sein. Die Strategie, den Sender als Abspielstation für US-Serien und damit in einer Reihe mit RTL oder Pro7 zu positionieren, ist - nicht zuletzt wegen dem großen Erfolg der Streaming-Dienste - nicht mehr erfolgreich. Zwar ist diese Programmierung ökonomisch sinnvoll, der Quotenerfolg bricht jedoch zusehends weg. ORFeins benötigt daher dringend eine neue Handschrift, vorzugsweise mit Eigenproduktionen, die sonst niemand hat. Auch bei Ö3 zeigen sich deutliche Erosionserscheinungen, vor allem nach dem Auffliegen der Manipulationen beim Radiotest sind die Quoten der Cashcow des ORF alarmierend eingebrochen. Auch hier ist Handlungsbedarf gegeben, wie auch in der endgültigen Positionierung des ORF in der digitalen Welt. Nicht zuletzt deshalb hat Wrabetz sein Konzept digital-affin "#2021" genannt.

Auch eine Baustelle im Wortsinn wartet auf Bearbeitung. Der nötige Neubau des ORF auf dem Küniglberg ist ein erhebliches Risiko, was die Kosten betrifft. Schließlich hat bereits die Sanierung des Haupthauses, das Ende 2016 bezugsfertig sein soll, deutlich mehr gekostet, als veranschlagt war. Hier muss Wrabetz nun Gas geben, schließlich ist das Funkhaus bereits verkauft und die Radios müssen über kurz oder lang auf den Küniglberg ziehen.

Für einige seiner Vorhaben wird der ORF-Generaldirektor zudem eine Änderung des ORF-Gesetzes benötigen. Zusätzliche digitale ORF-Radios bei der für 2018 geplanten Digitalisierung des Radios gehen ohne Gesetzesänderung genauso wenig wie der Ausbau des ORFs im Internet oder in den sozialen Medien. Auch beim Werbeverkauf wünscht man sich Erleichterungen. Freilich setzt eine Änderung im ORF-Gesetz voraus, dass man sich politisch darauf einigen kann, was zuletzt nicht der Fall war. Gut möglich, dass dabei auch wieder eine Reform des Stiftungsrates ins Gespräch kommt.

Ein weiteres heikles Thema ist die eigentlich für 2017 fest eingeplante Erhöhung der ORF-Gebühren. Sowohl Grasl als auch Wrabetz hatten diese in ihrem Konzept vorgesehen, die letzte Erhöhung gab es 2012. Medienminister Thomas Drozda hatte ein solches Ansinnen jedoch zuletzt auffallend rüde zurückgewiesen, was im ORF für alarmierte Verblüffung gesorgt hatte. Hier wird Wrabetz eine Mehrheit im Stiftungsrat benötigen. Genauso für die Wahl seiner Geschäftsführung. Beides wird er wohl nicht gegen die ÖVP durchbringen wollen, was im Vorfeld Zugeständnisse nötig macht. Sobald sich der Pulverdampf dieser Wahl verzogen hat, wird vielleicht vieles möglich, was jetzt sehr unwahrscheinlich scheint.