Eine Wohltat für die Augen - im Vergleich zu heute: das erste "Bravo"-Cover. - © Bauer Media Group/BRAVO
Eine Wohltat für die Augen - im Vergleich zu heute: das erste "Bravo"-Cover. - © Bauer Media Group/BRAVO

"Ich bin 13 Jahre alt. Man sagt, dass ich jetzt im Schwärmalter sei. Das stimmt. Aber ich habe leider beim Schwärmen den Kopf verloren." Das waren die ersten Worte, die an den Sex-Berater "Dr. Sommer" im Jugendmagazin "Bravo" gerichtet wurden. Das war im Jahr 1969. Heute klingt das anders. Ein Eintrag auf der Facebookseite des Magazins diese Woche lautete in angesagtem Klick-Erbeuterstil: "Experten warnen vor Analsex. So gefährlich ist diese Sexstellung wirklich..."

1972 hatte es noch weniger gebraucht, um das Jugendmagazin auf den Index in Deutschland zu bringen. Der Psychotherapeut Martin Goldstein, der damals hinter dem altbekannten Pseudonym Dr. Sommer steckte, hatte entgegen der allgemein herrschenden Auffassung behauptet, dass man durch Selbstbefriedigung weder erblinde noch überbeanspruchte Geschlechtsteile abfaulen. Die Enttabuisierung des Onanierens quittierten die staatlichen Jugendschützer mit dem trockenen Satz: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

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Von Marilyn Monroe
zu den Lochis


Seit nunmehr 60 Jahren kümmert sich das deutsche Magazin "Bravo" nun um die Sexualität und andere Vorlieben der Jugend - am 26. August 1956 erschien die erste Ausgabe. Das ist eine doch recht erstaunliche Kontinuität in der überaus schnelllebigen Welt der Teenager. Auf dem ersten Cover - "Bravo" nannte sich noch eine "Zeitschrift für Film und Fernsehen" - waren Marilyn Monroe und Richard Widmark zu sehen und ein "farbiger Roman" mit dem Titel "Gepeinigt bis aufs Blut" angepriesen. Das Cover der aktuellen "Bravo"-Ausgabe ist für der Adoleszenz entwachsene Leser eine Herausforderung: Es verspricht Neues von den YouTube-Stars Die Lochis, deckt eine eventuelle Affäre zwischen den "BFFs" Dagi Bee und Topic auf und freut sich über ganze 12 Poster, etwa von einem gewissen Julian und einer Tini. Ein Titelblatt als Reizüberflutung am Rande des Migränetriggers. Ein von 25plus-Durchblätterern gewünschtes Glossar zur Erklärung wird nicht geboten.

Ein Twitter-Account versorgt Interessierte derzeit mit Zahlen und Fakten rund um den 60. Geburtstag des Jugendmagazins. So wurden in dem Zeitraum 2,68 Milliarden Hefte verkauft, das wären 751.274 Kilometer, würde man alle Hefte nebeneinander legen. Der erste Starschnitt - ein Poster in mehreren Teilen, über die Wochen hinweg zu sammeln - zeigte Brigitte Bardot im Jahr 1959. Die meisten Teile hatte der Starschnitt von den Village People, er bestand aus 53 Teilen. 122 Starschnitte erschienen seit 1959, das sind 2333 Einzelteile. Am öftesten am Cover war Michael Jackson, nämlich 42 Mal. Elvis Presley brachte es nur auf 34 Cover. Die erste Foto-Lovestory erschien 1972, zehn Jahre später schummelte sich die erste nackte Brust in den Foto-Comic ("Susi ist nicht nur äußerlich ein duftes Mädchen").

Über die Jahrzehnte hat sich natürlich einiges geändert. Zuallererst natürlich die Auflage: In den 90er Jahren lag sie noch nahe an der Million, heute liegt die Auflage der "Bravo" nur noch bei etwas über 130.000 Heften. Sie erscheint auch seit 2013 nicht mehr wöchentlich, sondern nur mehr alle zwei Wochen. Allein in den vergangenen drei Jahren schrumpfte die Auflage um mehr als 100.000 verkaufte Exemplare. Nichtsdestotrotz leistet sich der Bauer Verlag auch den Ableger "Bravo Girl" und ein halbjährlich erscheinendes Sonderheft rund um Dr. Sommer.

Eigenständigere Medienkonsumation


Der Auflagenrückgang hängt naturgemäß mit der massiv veränderten Medienkonsumation von Jugendlichen zusammen. Nur jeder Fünfte zwischen zwölf und 19 liest regelmäßig gedruckte Zeitschriften. Früher wurde man einmal die Woche mit Neuigkeiten über den Lieblingsstar von Rex Gildo bis Madonna versorgt - die entsprechenden Zeitschriften hatten exklusiv diese Informationen, die man als Leser nicht hatte. Heute weiß der Fan genauso schnell wie der "Bravo"-Reporter, was sich Miley Cyrus oder Justin Bieber wieder geleistet haben. Entweder aus einschlägigen Internet-Publikationen oder von den Stars selbst, die auf den Sozialen Medien nicht mit Tratsch geizen. Junge Menschen sind nicht mehr auf zentralisierte Magazine angewiesen, sie stellen sich ihr Nachrichtenangebot - wie Studien zeigen, vor allem aus Sozialen Medien und Shoppingseiten - selbst zusammen. "Bravo" brüstet sich damit, seine Leser im Internet abzuholen. Auf der Facebookseite des Magazins mit seinen über 950.000 Freunden scheint das zu gelingen. Auf der Bilderteilplattform Instagram, laut hauseigener Jugendstudie neben Snapchat das wichtigere Medium für diese Zielgruppe, schaut es mit 241.000 Followern eher nicht so berauschend aus. Zum Vergleich: YouTube-Schminktippstar Bibi, eine der Protagonistinnen der "Bravo" dieser Tage, hat auf Instagram vier Millionen Follower. Um auch die Fans der YouTube-Stars zu erreichen, gibt es auch das Sonderheft "Bravo Tube Stars".