Kommissar Veigl hätte seinem Dackel Oswald zur Feier des Tages wahrscheinlich ein Schlückchen Bier in den Napf geleert: Am Sonntag wird die 1000. Folge der Krimiserie "Tatort" gezeigt. Der Hund mit den original bayrischen Trinkgewohnheiten war der treue Begleiter des Münchner Kommissars, den Gustl Bayrhammer in den 70er Jahren spielte. Er ist quasi ein Artefakt aus den Pionierzeiten dieses langlebigen Fixpunkts des deutschsprachigen Farbfernsehens.

1000 Folgen, so ein erkleckliches Jubiläum schaffen normalerweise nur täglich laufende Seifenopern. Eine 46 Jahre lang andauernde Laufzeit ist in unserer heutigen kurzlebigen Fernseh-Ära, in der alles schleunigst eingestampft wird, was man nicht "Binge-Watchen" will, kaum mehr vorstellbar oder gar erreichbar. Der "Tatort" ist also eigentlich ein unmögliches Phänomen. Am 29. November 1970 lief die erste Folge der Reihe, sie hieß "Taxi nach Leipzig". Der ermittelnde Kommissar hieß Trimmel und hatte gar nichts dagegen einzuwenden, sein Verhör mit Cognac-Begleitung zu führen. Die erste "Tatort"-Folge befasste sich mit dramatischen Verwicklungen zwischen West- und Ostdeutschland - gleich von Anfang an wollte man kein reines Krimispektakel sein, immer sollten auch gesellschaftspolitische Gegebenheiten mitgenommen werden. Gunter Witte, der TV-Redakteur, der den "Tatort" erfunden hat, gab damals eine Devise aus: Alles, was in der Krimireihe geschah, müsse auch im realen Leben passieren können. Daran halten sich die Autoren bis auf einige Ausreißer (etwa den Ein-Mann-Armee-Kommissar Nick Tschiller, gespielt von Til Schweiger) immer noch. Und so wäre es tatsächlich möglich, falls man denn so viel Tagesfreizeit aufbringen kann, sich via 1000 "Tatort"-Folgen ein recht umfassendes Zeitgeschichte-Kompendium einzuverleiben.

Die "Tatort"-Augen: Ihr Besitzer erhielt einst nur 400 Mark. Als Wiedergutmachung durfte er einmal eine Leiche spielen. - © dpa
Die "Tatort"-Augen: Ihr Besitzer erhielt einst nur 400 Mark. Als Wiedergutmachung durfte er einmal eine Leiche spielen. - © dpa

Der gesellschaftspolitische Anspruch der Sendung ist auch der Grund dafür, dass selbst renommierte Schriftsteller wie Martin Suter oder Martin Walser Drehbücher für das von Intellektuellen oft abschätzig bewertete Fernsehen schrieben. Auch Rainer Werner Fassbinder hat ein Buch eingereicht, allein Gunter Witte war nicht interessiert. Dabei wäre so ein Krimi rund um Korruption in der Bundesliga durchaus auch unter die Kategorie "Das echte Leben spielt den Tatort" gefallen.

Der Mord zum Sonntag


Der "Tatort" ist in seiner ganzen Struktur ein televisonäres Unikum. Ständig wechselnde Orte über verschiedene Länder verteilt (Deutschland, Schweiz, Österreich), verschiedene Hauptpersonen, Handlungsstränge, die man sich über Monate hinweg merken muss. Auch das ein nachgerade provokanter Gegenentwurf in der Ära des "Jetzt auf einmal alle Folgen"-Streamings. Mit ihren Kommissaren geht die Krimireihe demokratisch um - ein Starprinzip gibt es nicht. Im Gegenteil, bei der aktuellen Fülle an Ermittlern - 47 in 22 Städten - läuft man langsam sogar Gefahr, den Überblick zu verlieren.