• vom 09.12.2016, 07:42 Uhr

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Update: 09.12.2016, 07:48 Uhr

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Wenn aus Freizeit Arbeit wird




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Von Adrian Lobe

  • Die Smartphones als Produktionsstätten eines neuen "kognitiven Kapitalismus".

Früher unterjochte das Kapital, heute die Tech-Konzerne.

Früher unterjochte das Kapital, heute die Tech-Konzerne. Früher unterjochte das Kapital, heute die Tech-Konzerne.

Wien. 50 Minuten verbringen Nutzer jeden Tag auf Facebook, Instagram und Facebook-Messenger. Das mutet zunächst wenig an, doch bedenkt man, dass der Tag nur 24 Stunden hat und der Mensch durchschnittlich acht Stunden am Tag schläft, nimmt Facebook ein Sechzehntel unseres Alltags ein. Und da ist die WhatsApp-Nutzung - den Kurznachrichtendienst hatte Facebook 2014 übernommen - noch gar nicht eingerechnet. Das Chatten und Posten nimmt mehr Zeit in Anspruch als das Lesen von Zeitungen und Büchern, wofür US-Amerikaner nach Angaben des Bureau of Labor Statistics im Durchschnitt 19 Minuten am Tag aufwenden. Selbstredend wird Facebook nicht nur in der Freizeit genutzt, sondern auch auf der Arbeit - die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt durch die Digitalisierung immer mehr.

Der Datenjournalist Mark Fahey rechnete in einem Artikel für den Sender "CNBC" vor, dass Facebook allein in den USA für einen hypothetischen jährlichen Produktivitätsverlust von annähernd 900 Milliarden Dollar verantwortlich ist. Das entspricht dem anderthalbfachen Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Legt man eine durchschnittliche Nutzungszeit von 20 Minuten am Tag und den derzeitigen Mindestlohn in den USA von 7,25 Dollar pro Stunde zugrunde, käme man auf einen hypothetischen Verdienstausfall von 882 Dollar pro Jahr pro Beschäftigtem (hypothetisch, weil der Arbeitnehmer ja trotzdem produktiv sein kann, indem er effizienter arbeitet). Man muss die Frage stellen, ob Angestellte noch vollumfänglich für Arbeitgeber tätig sind oder nicht schon im Dienste der Tech-Giganten stehen.


Der italienische Publizist Giorgio Griziotti beschreibt in seinem neuen, demnächst auch auf Englisch erscheinen Buch "Neurocapitalismo", wie wir nach der industriellen Revolution in die Phase des "kognitiven und biokognitiven Kapitalismus" eintreten. Kennzeichen dieses Kapitalismus sei, dass Fabriken nicht mehr die Produktionsstätten sind, auch nicht mehr die Büros des Dienstleistungssektors, sondern der menschliche Körper und das Gehirn. Im kognitiven Kapitalismus geht es darum, unsere Zeitkonten in Besitz zu nehmen. Apps, Online-Games, Webseiten - alle wollen die Zeit der Kunden.

Gigantische Vermarktung
Die Quantified-Self-Bewegung misst mit Fitness-Trackern und Armbanduhren ihre Schrittzahl und Herzfrequenz und liefert frei Haus Daten an die Tech-Konzerne. Uber-Fahrer befördern nicht nur Fahrgäste, sondern produzieren nebenbei auch Daten, die in Serverfarmen ausgewertet werden und zur gigantischen Markkapitalisierung Ubers beitragen (das "Start-up" war zwischenzeitlich mehr wert als Daimler). Und jeder Chat auf Facebook steigert den Marktwert des Internetkonzerns, der durch das Ausspielen personalisierter Werbung noch mehr Geld verdienen kann. "Wir haben uns von einer Zeit, in der die Triebkraft aller Aktivitäten die Akkumulation im physischen Sinne war, hin zu einer Gesellschaft bewegt, die auf der Performanz und Ausbeutung des Lebens in einem weiteren Sinn basiert", sagte Griziotti in "Motherboard".

"Ob man arbeitet oder Zeit vor einem Bildschirm verbringt - es handelt sich um eine Form der Produktion, und der kognitive Kapitalismus beutet sie für seinen eigenen Nutzen aus."

Griziotti argumentiert aus einer neomarxistischen Perspektive. Trotz ihres Jargons hat die Analyse etwas Triftiges. Weder die Uber-Fahrer noch die Facebook-Nutzer werden für die Überlassung ihrer Daten entlohnt. Es ist im Grunde ein Totalausverkauf. Dabei produzieren sie mit ihren Daten ein Gut, das als das "Rohöl des 21. Jahrhunderts" gilt. Griziottis These von Smartphones als den neuen Produktionsstätten des Neurokapitalismus gibt Anlass darüber, Arbeit neu zu denken. Ist es wirklich Freizeit, wenn man mit Freunden auf Facebook chattet? Oder Arbeit, weil man mit jeder Eingabe Daten für den Tech-Konzern produziert?

Zeit nicht Facebook schenken
Die US-Aktionskünstlerin Jennifer Lyn Morone will gegen den Ausverkauf von Daten protestieren: Sie hat nach dem Vorbild von Stars eine Ich-AG ("Jennifer Lyn Morone Inc.") gegründet, die das Geschäftsmodell sozialer Netzwerke umkehrt und Daten selbst vermarktet. Für 7000 britische Pfund kann man das komplette Datendossier von Lyn von einem Jahr erwerben: Charaktereigenschaften, demographische Daten, Kredithistorie, Gesundheitsdaten, Online-Aktivitäten. Morone stellt die Frage "Was bist du wert?". Ein Facebook-Profil, auf dem intimste Dinge, mithin unser ganzes Leben ausgerollt wird, hat Schätzungen zufolge einen Marktwert zwischen 45 und 100 Dollar. Eine läppische Summe verglichen damit, wie Facebook diese Daten kapitalisiert. Vielleicht sollte das Kunstprojekt den Nutzern eine Lehre sein, dass man sich und seinen Lieben mehr Zeit schenkt als Facebook.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-12-08 18:20:06
Letzte Änderung am 2016-12-09 07:48:55



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