Fast scheint es, als habe Jules Massenets (1842-1912) größtes Talent darin bestanden, für jede seiner 34 Opern einen eigenen Stil zu erfinden. Dabei hatte der französische Komponist selbst stilprägend gewirkt: 1884 hatte er Elemente von Ambroise Thomas, Georges Bizet und Charles Gounod mit Elementen sentimentaler Populärmusik und der Harmonik Richard Wagners vermischt und in "Manon" den Klang eines französischen Realismus geschaffen, der bis ins 20. Jahrhundert Nachahmer fand. Doch seine stilistische Wendigkeit ist atemberaubend: Wagner’sche Einflüsse dominieren in "Esclarmonde", solche von Ambroise Thomas in "Cendrillon", "Werther" nähert sich Tschaikowskis "Eugen Onegin", "Amadis" der Grand Opéra. Dabei geht Massenet nicht geradlinig vor: Als virtuoser Eklektiker nimmt er, was er zum Ausdruck braucht, und bringt es mit hochentwickelter Kompositionstechnik auf ein gleichmäßig hohes Niveau der musikalischen Sprache.

Ein Hauch vom Orient

Seine 1894 uraufgeführte Oper "Thais" komponierte Massenet nach einem Roman von Anatole France, der seinerseits auf dem Drama "Pafnutius" der Hrotsvit von Gandersheim aufbaut. Der Ordensbruder Athanael will die Hetäre Thais bekehren. Tatsächlich gelingt ihm das - doch als Thais stirbt, ist es Athanael, der bekehrt wird, nämlich zur menschlichen Liebe.

Reizvoll für Massenet war die Szenerie im frühchristlichen Ägypten. Das bot ihm die Möglichkeit, seine Partitur mit allerlei Exotizismen zu würzen. Sie prägen auch die bekannteste Nummer der Oper, die "Méditation", ein Instrumentalstück für Solovioline und Orchester in einem süßlichen Tonfall, der für diese Oper sonst uncharakteristisch ist. Der Uraufführungserfolg war mäßig, nach einer Umarbeitung jedoch galt "Thais" bald als ein Hauptwerk Massenets. Allerdings gehören die Rollen der Thais und des Athanael zu den anspruchsvollsten der gesamten Opernliteratur, was der Repertoiretauglichkeit zuwiderlief.