• vom 27.12.2016, 16:43 Uhr

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Update: 27.12.2016, 17:12 Uhr

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Regentschaft in 140 Zeichen




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Von Adrian Lobe

  • Donald Trump nutzt Twitter als Sprachrohr - das ängstigt nicht nur seine politischen Gegner.

Ist das noch freie Meinungsäußerung oder schon Hassrede? Twitter muss sich entscheiden. - © reuters

Ist das noch freie Meinungsäußerung oder schon Hassrede? Twitter muss sich entscheiden. © reuters

Wien. Vor wenigen Tagen lud Donald Trump die führenden Tech-Bosse aus dem Silicon Valley in seinen Tower ein: Apple-Chef Tim Cook, Alphabet-CEO Eric Schmidt, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Facebook-Vorstand Sheryl Sandberg. Einer jedoch fehlte in der Runde: Twitter-Chef Jack Dorsey. Und das, obwohl der Kurznachrichtendienst im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielte. Unter Trumps Twitter-Gefolgschaft (Follower-Zahl: 17,7 Millionen) befinden sich rund ein Drittel Bots, automatisierte Skripte, die unablässig teilen und retweeten. Diese Meinungsroboter sorgten dafür, dass nach der ersten Fernsehdebatte der Hashtag "TrumpWon" zum Trending Topic in den USA auf Twitter avancierte und ein Gegennarrativ zur medialen Erzählung konstruiert wurde, wonach Clinton das Duell gewonnen habe.

Auch nach seinem Wahlsieg machte Trump auf Twitter kräftig Stimmung - der Kurznachrichtendienst ist das Sprachrohr des President elect. Mitten in der Nacht setzt der Immobilienmilliardär, der nach eigenen Angaben mit nur vier Stunden Schlaf auskommt, Mitteilungen ab, auf die sich am nächsten Morgen begierig die Medien stürzen. Am 6. Dezember um 5.52 Uhr morgens twitterte Trump: "Boeing baut eine brandneue 747 Air Force One für künftige Präsidenten, aber die Kosten sind außer Kontrolle, mehr als vier Milliarden Dollar. Bestellung canceln!" Nach 10 Sekunden begann der Aktienkurs im freien Fall zu sinken. Trump kann mit einem Tweet Aktienkurse auf Talfahrt schicken. Das macht mittlerweile nicht nur seine politischen Gegner, sondern auch Unternehmen unruhig.


Twitter-Chef Dorsey äußerte sich über seinen Edelnutzer ambivalent. Das Verhältnis sei "kompliziert", sagte er auf einer Konferenz in San Francisco. "Dass der gewählte Präsident unseren Dienst als direkte Kommunikationsform benutzt, zeigt und ermöglicht es jedem zu sehen, was in seinem Kopf vorgeht. Das ist faszinierend", erklärte Dorsey. Doch nicht jeder ist von dem prominenten Nutzer begeistert. Trump hat sich in seinen Tweets wiederholt abfällig über mexikanische Migranten und andere Minderheiten geäußert. Die "Washington Post" rief in einem Leitartikel dazu auf, Donald Trump von Twitter zu verbannen. Die Grenzen der Meinungsfreiheit gelten auch für den gewählten Präsidenten.

Hate Speech?
Twitter gerät zunehmend unter Druck, nicht zuletzt, nachdem sich ehemalige Mitarbeiter kritisch in der Öffentlichkeit über die Rolle des Konzerns geäußert hatten. Der ehemalige Softwareingenieur Ben Matasar twitterte am Tag nach der Wahl: "An alle meine Twitter-Freunde: Was haben wir nur gebaut?" Auch bei Facebook gab es intern Überlegungen, Trumps Kommentare als "hate speech" zu klassifizieren. Inzwischen haben 55.000 Leute eine Online-Petition unterschrieben, die Twitter dazu auffordert, Donald Trumps Account zu löschen.

In einer Zeit, in der über Twitter Fake-News verbreitet werden und das Fundament der Demokratie unterminieren, kommt dem Kurznachrichtendienst, den Manager Tony Wang 2012 noch zum "freien Rede-Arm der freien Meinungspartei" stilisierte, eine besondere Verantwortung zu. Ein Sprecher des Unternehmens betonte, dass Profile, die gegen die Nutzungsregeln verstießen, gesperrt würden. Diese Regeln gelten für alle Accounts, also auch für den von Donald Trump. In den Twitter-Regeln heißt es: "Wir glauben an die Redefreiheit und daran, mutig seine Meinung zu sagen, doch diese zugrunde liegende Philosophie bedeutet wenig, wenn Stimmen verstummen und Menschen Angst haben, sich zu äußern." Als Sperrgrund wird unter anderem auch "Hass schürendes Verhalten" genannt: "Sie dürfen keine Gewalt gegen andere Personen fördern, sie direkt angreifen oder ihnen drohen, wenn diese Äußerungen aufgrund von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, nationaler Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, Geschlechtsidentität, religiöser Zugehörigkeit, Alter, Behinderung oder Krankheit erfolgen. Wir erlauben auch keine Accounts, deren Hauptziel darin besteht, basierend auf diesen Kategorien, Schaden gegen andere anzustiften." Trumps Einlassungen dürften sich nach strenger Auslegung doch darunter subsumieren lassen.

Zwar hätte Twitter als privates Unternehmen, das nicht an das First Amendment gebunden ist, das Recht, Trumps offiziellen Account zu sperren, doch würde der Konzern es wohl nicht wagen, dem Präsidenten und mächtigsten Mann der Welt den Stecker zu ziehen. Das würde einen riesigen Aufschrei bei Trumps Anhängerschaft provozieren. Der Konzern kämpft seit Monaten mit roten Zahlen und stagnierenden Nutzerzahlen. Einen Edelnutzer verprellt man nicht. Auch wenn dessen Botschaften zuweilen unerträglich sind.




Schlagwörter

Medien, Digital, Twitter, Hassrede

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-27 16:47:04
Letzte Änderung am 2016-12-27 17:12:29


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