Wien. Unter Juden, die vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen waren, war der Holocaust erstaunlich früh bekannt. In wichtigen Exil-Zeitschriften wie "Aufbau" oder "Austro American Tribune" erschienen schon kurz nach der Einrichtung der NS-Vernichtungslager im Jahr 1942 erste Texte über die systematischen Deportationen. Das berichtet der Germanist Primus-Heinz Kucher von der Universität Klagenfurt in einer aktuellen Publikation.

Der Forscher schließt daraus, dass "Aufbau" und ihm nahestehende jüdische Organisationen über ein "ausgezeichnetes Netz von Informationsquellen verfügten", schreibt er in einem Beitrag im internationalen Jahrbuch für Exilforschung zum Thema "Exil und Shoa". "Die Leserschaft dieser Zeitschrift, die aufgrund ihrer Auflage und des zeitgenössischen Leseverhaltens einen beträchtlichen Teil des deutschsprachigen Exils in den USA erreichte, wurde somit sehr früh mit dem Holocaust konfrontiert." Ab Mitte 1944 gab es tägliche Berichte über den Massenmord in den einschlägigen Exilplattformen.

Krieg gegen Nazi-Deutschland

Der Umgang mit den Informationen wirke im Rückblick erstaunlich, wenn nicht gar irritierend "pragmatisch", schreibt Kucher. Er vermutet als Grund die Konzentration auf die Kriegslage und die Debatten über künftige Lebensräume für jenen Teil der europäischen Juden, die in Gefahr waren oder die man noch retten konnte. Die tendenziell säkularen jüdischen Intellektuellen in den Redaktionen von "Aufbau" und ähnlichen Zeitschriften machten Stimmung für eine aktive Teilnahme am Krieg gegen Nazi-Deutschland, in Schlagzeilen wie "Jüdische Helden in Stalingrad" oder "1,5 Millionen Juden kämpfen mit" pflegten sie den Narrativ vom jüdischen Widerstandskampf. Hannah Arendt etwa forderte im "Aufbau" eigenständige jüdische Kampfverbände. Diese sollten "wenigstens versuchen, das Gesetz der Ausrottung und das Gesetz der Flucht durch das Gesetz des Kampfes zu ersetzen".

Noch früher als die Berichte über die Massenvernichtung, nämlich bereits ab 1940 bis 1941, entstanden erste Texte mit Bezug auf schon damals existierende Lager, laut Kucher "zum Teil aus verbürgten Erfahrungen heraus, zum Teil noch zurückhaltend und andeutend". Oft seien sie allerdings "unverdient in der gewaltigen Flut von bedrückenden Nachrichten" oder neben prominenteren Stimmen verhallt, "oder sie waren dem Unfassbaren sprachlich schlicht (noch) nicht gewachsen". Als Beispiel nennt der Germanist Alfred Momberts letzten großen Zyklus "Sfaira, der Alte".

Insbesondere in lyrischen Texten sei der Holocaust auch als sprachliche Zäsur sichtbar geworden. Die Wiener Schriftstellerin Mimi Grossberg formulierte es so: "Es ist interessant, dass mit einer einzigen Ausnahme alle diese Gedichte über Auschwitz in englischer Sprache entstanden. Die Erklärung mag sein, dass sie zu einer Zeit geschrieben worden sind, da man im Unterbewusstsein sogar die unschuldige deutsche Sprache hasste."

In dem Band "Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Band 34/2016" gehen Forscher verschiedenster Disziplinen in 17 weiteren Beiträgen der Frage nach, wie der Holocaust sich auf das künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Werk der Exilanten ausgewirkt hat.