Das 19. Jahrhundert gilt als finstere Ära des Patriarchats. In Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft hatten Frauen nichts mitzureden. Wie sah es damals in der Zeitungsbranche aus? Was erfuhren Leserinnen einst aus der "Wiener Zeitung" über ihre Geschlechtsgenossinnen?

Machen wir die Probe aufs Exempel und nehmen eine beliebige historische Ausgabe der "Wiener Zeitung" zur Hand. Freitag, den 8. März 1867 zum Beispiel: 22 großformatige Zeitungsseiten (inklusive 4-seitiger Spätausgabe "Wiener Abendpost" und 6-seitigem Amtsblatt). Freilich gibt es da Rubriken, in denen Gerechtigkeit unter den Geschlechtern herrscht. In der Sterbeliste etwa. Oder bei den Konkursen. Ansonsten sind die Ergebnisse aber, so viel sei vorweg verraten, bescheiden - mit einer Überraschung.

Königin und Räuberbraut

Frühe "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterinnen : Betty Paoli (l.) und Frida Uhl, verheiratete Strindberg. Fotos: August Strindberg Museum Saxen (r.)/Lithogr. um 1895
Frühe "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterinnen : Betty Paoli (l.) und Frida Uhl, verheiratete Strindberg. Fotos: August Strindberg Museum Saxen (r.)/Lithogr. um 1895

Aus Großbritannien wird gemeldet, Königin Victoria plane wieder einmal einen längeren Aufenthalt im Londoner Buckingham Palace. Dass in Wien die Witwe von Kaiser Franz, Karolina Augusta, eine Schau der k.k. Hof- und Staatsdruckerei beehrte, dürfte kaum einen Hund hinter dem Ofen hervorgelockt haben.

Mehr Interesse weckte wohl ein längerer Artikel in Bonnie-und-Clyde-Manier aus der Gegend des heutigen Kroatien. In einem Bericht "Ueber das Ende des Räubers Udmanić" fehlt auch eine (namenlose) "Räuberbraut" nicht. Es kommt zum Schusswechsel mit Gendarmen, "Udmanić feuert, sein Liebchen ladet ihm die Waffen." Anders als beim US-Gangsterduo stirbt hier nur der Räuber, die Räuberbraut entkommt . . .

Auf der nächsten Seite, im Feuilleton, stoßen wir auf die ausführliche Buchrezension eines Werkes über Spanien. Darin wird unter anderem auf die Andalusierinnen eingegangen, wobei "das feurige, prächtige Auge, der elastische Fuß und der wundervolle Schritt" die Frauen dieser Region ebenso auszeichne wie ihre Pferde.

So weit, so kärglich. Wäre da nicht die "Wiener Abendpost". Auf deren dritter Seite überrascht es doch, den Namen einer Frau als Autorin zu lesen: Die hier abgedruckte Fortsetzung der Novelle "Ist sie todt?" stammt von einer gewissen Emma Franz. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die Wienerin Marie Pelzel von Pelzeln (1830-1894), eine Enkelin der Schriftstellerin und Salonière Karoline Pichler.

Fräulein Bruno Walden

Beachtlich ist, dass sie einen weiblichen Decknamen wählte und keinen männlichen. In einer Zeit, in der Schreiberinnen ständigen Anfeindungen ausgesetzt waren, bedurfte es großen Mutes, unter einem Frauennamen zu publizieren. Ein Beispiel dafür ist Barbara Elisabeth Glück (1814- 1894), die als Betty Paoli für die "Wiener Zeitung" schrieb.

Andere tarnten sich mit Männernamen, zum Beispiel Florentine Galliny (1845-1913), eine der ersten namhaften Journalistinnen, die die "WZ" als ständige Mitarbeiterin engagierte. Ihre Leserinnen und Leser hatten keine Ahnung, dass die über Jahrzehnte mit "Bruno Walden" gezeichneten Theaterkritiken und Rezensionen von einer Frau stammten.

Nach damaligem Verständnis schickte sich weibliche Erwerbsarbeit nicht. Von (bürgerlichen) Frauen des 19. Jahrhunderts erwartete man, den einzigen ihnen zugedachten Beruf zu ergreifen: Hausfrau und Mutter.

Hatten ledige Frauen noch gewisse Freiräume - mit der Heirat gaben sie diese auf. Gattinnen, die schreiberisch tätig waren, noch dazu für Geld, grenzten an einen Skandal. Als Überbrückung zwischen Schulabgang und Ehe war dies vielleicht noch toleriert, nach der Unterschrift am Traualtar sollten sie die Feder aber endgültig weglegen.

Florentine Galliny, als vornehm, zart und gebrechlich beschrieben, blieb alleinstehend. Noch als alte Dame spricht man sie mit "Fräulein" an. Als am 21. Juli 1913 der damalige "WZ"-Chefredakteur Emil Löbl ihr in seiner Grabrede neben "zarter frauenhafter Empfindung" einen "fast männlichen Charakter" attestiert, ist das als Kompliment gemeint.

Damals herrschte bei vielen die Ansicht, dass Frauen keine eigenständige geistige Leistung hervorbringen könnten. Und wenn doch, so steckte eben ihr "männlicher Charakter" dahinter. Diese Auffassung vertrat etwa Otto Weininger, der auch der Meinung war, dass "das höchststehende Weib (...) noch unendlich tief unter dem tiefststehenden Manne" positioniert sei. Solche Sätze standen nicht in irgendeinem obskuren Werk, das ungelesen im Regal verstaubte, sondern in Weiningers Schrift "Geschlecht und Charakter". Dass dieses Buch ab 1903 in zahlreichen Auflagen reißenden Absatz fand, spricht Bände über den Geist der Zeit.

Versteckte Talente

Wollten Frauen journalistisch arbeiten, hatten sie mit Gegenwind zu rechnen. Auf eine Festanstellung in einer Redaktion konnten sie keinesfalls hoffen. Die meisten von ihnen schrieben nur gelegentlich Feuilletons, bestenfalls lieferten sie regelmäßig Texte. Florentine Galliny wird zwar immer wieder als Redaktionsmitglied unseres Blattes bezeichnet, auch im Nachruf in der "WZ" selbst - es ist aber kaum anzunehmen, dass sie, wie man sich das heute vorstellen würde, in der Redaktion in der Herrengasse oder später (ab 1894) in der Bäckerstraße neben ihren Kollegen werkte.