Wien. Im vergangenen Jahr druckte der "Economist" auf seinem Titelbild Mark Zuckerberg im Stile eines römischen Imperators ab. Der Facebook-Gründer saß auf einem Thron, den rechten Daumen nach oben gereckt - die kaiserliche Geste markiert im Facebook-Reich gleichsam das Signum der Zustimmung -, die linke Hand ein Facebook-Symbol über dem Globus haltend. Der Like-Button, der 2009 erfunden wurde, ist längst zur Ikonografie unseres Zeitalters geworden. Es markiert wie kein anderes Symbol unsere Positivgesellschaft. 4,5 Milliarden Mal am Tag heben Facebook-Nutzer ihren Daumen. Doch nun sollen Nutzer wie der römische Imperator auch den Daumen senken können und der Like seine negative Entsprechung erhalten: Facebook testet in seinem Messenger gerade den Dislike-Button.

Die Facebook-Community forderte schon seit langem einen Dislike-Button, um negativen Gefühlen auch außerhalb der Kommentarfunktion Ausdruck zu verleihen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg dachte öffentlich darüber nach, entschied sich am Ende aber doch dagegen (lediglich Emojis dürfen als Ventil für Wut herhalten). "Ein Dislike-Button ist nicht gut. Und das ist etwas, wovon wir glauben, dass es nicht gut ist für die Welt. Also werden wir das nicht einführen", begründete Zuckerberg die Entscheidung im typischen Silicon-Valley-Sprech. Was er nicht sagte: Ein Dislike-Button würde Facebook-Nutzer davon abhalten, Dinge zu posten. Für ein Unternehmen, das mit der Auswertung von Nutzerdaten Geld verdient, ist mehr Verhalten ("Engagement") besser. Klar: Daten über das, was Nutzer mögen, sind profitabler als Daten über das, was Nutzer nicht mögen. Der Erfinder des Like-Buttons, Bret Taylor, sagte, die Negativität des Dislike-Buttons zeitige "unglückliche Konsequenzen." Die Behauptung, man wolle damit Diffamierungen verhindern, ist nur vorgeschoben, denn in Wirklichkeit geht es darum, das Geschäftsmodell zu sichern. Unternehmen, die Anzeigen auf Facebook schalten, wollen nicht, dass Nutzer ihre Marke "disliken" - das wäre ein PR-GAU.

Wut-Emoji als Äquivalent

Die Technik-Soziologin Zeynep Tufekci berichtete in einem Beitrag für "Medium", wie sie sich ein Video ansah, auf dem zwei Flüchtlingskinder zu sehen sind, die im Wasser zwischen leblosen Körpern waten und am Ende gerettet werden. Die Kinder schreien, ein Mann versucht sie zu beruhigen. Zufekci lud das Video auf Facebook hoch und veröffentlichte es als Status-Update. Der erste Kommentar, den sie bekam, lautete: "Danke für den Post - kann es nicht liken." Kann man ein solch schreckliches Video überhaupt liken? Ist das Unrecht likebar? Man hatte abgesehen vom wütenden Emoji, das Facebook 2016 als funktionales Äquivalent zum Dislike-Button freischaltete, nur diesen einen Knopf, um seine Empathie auszudrücken.