Wien. Im Internet gibt es schätzungsweise eine Milliarde Webseiten. Vieles davon ist nicht lesbar, kryptische Kürze und Programmiercodes, der Maschinenraum des Cyberspace. Und doch ist die Frage, was Worte eigentlich für einen Wert haben in einer Zeit, in der Algorithmen unser Geschriebenes auslesen und uns automatisch unsere Sätze vervollständigen und Suchbegriffe vorschlagen, wo Roboterjournalisten millionenfach standardisierte Finanz- und Sportartikel generieren und KI-Systeme bereits Romane mitverfassen. Wiegen Worte mehr als Programmiervorschriften? Was bedeutet Sprache im Zeitalter algorithmischer Reproduktion?

Das sind die Forschungsfragen, mit denen sich die britische Wissenschafterin Pip Thornton in ihrer Dissertation auseinandersetzt und worüber sie auf ihrem Blog "Linguistic Geographies" schreibt. Worte wurden ja schon immer verkauft. Der französische Schriftsteller Honoré Balzac beschreibt in seiner jüngst auf Deutsch erschienen Typologie der Journalisten ("Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille"), wie Autoren im Frühkapitalismus für mickriges Zeilengeld für die ersten Zeitungen schrieben und sich dabei korrumpieren ließen ("Der Zeilenangler ist der Autor, der von der Zeile lebt wie der Angler von der Schnur"). Das Neue ist jedoch, dass Worte von Algorithmen arrangiert und wie auf einem Basar an den Meistbietenden verkauft werden.

Um herausfinden, wie viel Wert Worte haben, ließ Thornton jedes einzelne Wort ihres Lieblingsgedichts "At the Bomb Testing Site" des Lyrikers William Stafford (82 an der Zahl) durch Google Ad Words, bei dem Werbetreibende einen Anzeigenrang und Klickpreis berechnen können, laufen. Google gibt dann einen Startpreis an, der je nach Wort und Kombination variiert. Wörter wie "günstiger Laptop" oder "Autoversicherung" können bis zu 60 Dollar pro Klick kosten, während Trump 1,63 Dollar pro Klick einbringt. Tony Blair ist mit 13 Cent etwas günstiger. Bei jeder Google-Suche läuft im Hintergrund eine Auktion ab, die darüber entscheidet, ob die Anzeige tatsächlich geschaltet wird und an welcher Anzeigenposition sie auf der Seite erscheint. Den Zuschlag erhält der Meistbietende. Im Grunde hat Google mehr mit einer Auktionsplattform als einem Bibliothekskatalog gemein. Der Konzern versteht sich darauf, aus Worten Profit zu machen. "Linguistischer Kapitalismus" hat das der französische Digitalvordenker Frédéric Kaplan einmal genannt.