London. Kann sich der Londoner "Guardian" das teure Leben an der Themse nicht länger leisten? In akuter Geldnot, erwägt Britanniens große linksliberale Tageszeitung offenbar eine spektakuläre Sparmaßnahme - nämlich die Rückkehr in die nordenglische Stadt Manchester, aus der sie ursprünglich einmal kam.

Zudem ist im Gespräch, die Printausgabe vom Berliner Format aufs kleinere Tabloidformat zu schrumpfen. Und außer den schon im Vorjahr beschlossenen 250 redaktionellen Entlassungen dürfte es bald weitere Stellen-Streichungen geben. In Frage steht vor allem die Online-Präsenz in den Vereinigten Staaten, die in den letzten Jahren so sorgsam aufgebaut worden war.

Überraschend kommen die neuen Sparpläne nicht. Wie fast alle britischen Zeitungen findet sich der "Guardian" in einer prekären finanziellen Lage. Den scharfen Anzeigen-Einbruch der Printausgabe hat das Online-Werbeaufkommen nicht, wie erhofft, wettmachen können. Google und Facebook haben sich mehr als die Hälfte des Anzeigenmarkts in Großbritannien unter den Nagel gerissen. In drei Jahren sollen es schon über 70 Prozent sein. Die "Press Gazette", das Organ der britischen Druckindustrie, hat just eine Petition gestartet mit der Parole "Stoppt die Zerstörung des Journalismus durch Google und Facebook". Gegen die rücksichtslose Herrschaft der beiden Online-Riesen, meint die "Gazette", habe die traditionelle Presse keine Chance.

Der "Guardian" jedenfalls bekommt die Anzeigenkrise voll zu spüren. Fürs Steuerjahr 2016/17 rechnet er mit einem operationellen Verlust von 90 Millionen Pfund. Und das, obwohl der Verlag des "Guardian", die Guardian Media Group (GMG), im Vorjahr bereits eine dreijährige "Sparzeit" einläutete, in deren Verlauf die Betriebskosten um ein Fünftel gekürzt werden sollen.

Nun aber sieht sich das Blatt plötzlich an einer weiteren Front in Bedrängnis. Die jährlichen Gemeindesteuern auf das imposante Druck- und Verlagshaus des "Guardian" nahe King’s Cross Station in London sind diesen April um 50 Prozent, auf fast drei Millionen Pfund, in die Höhe geschossen. In Birmingham oder Manchester wäre nur ein Bruchteil dieser Summe fällig - weshalb man beim "Guardian" ernsthaft an einen Umzug denkt.

An Popularität fehlt es der Zeitung ja nicht. Ihre frei zugängliche Webseite, eine der besten in der Welt, verzeichnet pro Tag neun Millionen "Einzelbesucher". Allerdings ist die gedruckte Auflage weiter gesunken und steht inzwischen nur noch bei etwa 160.000. Und das dramatische Anzeigen-Manko schlägt in Print wie in Online hart zu Buche. Hinterm "Guardian" steht kein Kapitalist mit tiefen Taschen, sondern eine gemeinnützige Stiftung mit begrenztem Kapital. Nach Ansicht der konservativen "Times" hat sich die Rivalin zur Linken mit ihren Investitionen und ihrem vor neun Jahren eröffneten King’s-Cross-Hauptquartier aber "arg übernommen". "Unkluge" kommerzielle Entscheidungen werden der früheren Verlagschefin Carolyn McCall zur Last gelegt, die sich längst zu Easyjet abgesetzt hat.