• vom 09.06.2017, 19:31 Uhr

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Der Herr der Bücher in Bogota




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Von Rodrigo Almonacid

  • Kolumbianischer Müllmann schuf Gratis-Bibliothek mit 25.000 Werken.

Jose Alberto Gutierrez präsentiert seine Bibliothek.

Jose Alberto Gutierrez präsentiert seine Bibliothek.© afp/G. Legaria Jose Alberto Gutierrez präsentiert seine Bibliothek.© afp/G. Legaria

Bogota. (afp) Jose Alberto Gutierrez ist seit mehr als 20 Jahren Müllmann in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota. Als er eines Morgens eine Ausgabe von Leo Tolstois "Anna Karenina" aus dem Abfall zog, sollte dies sein Leben verändern: "Es war eine wunderbare Entdeckung: Mir wurde bewusst, dass Leute Bücher in den Abfall werfen, also habe ich angefangen, sie zu retten", sagt der 54-Jährige.

Seither holte der stämmige Mann tausende Bücher vom Straßenrand - Romane, Gedichtsammlungen, Erziehungsratgeber - und verwandelte sein Haus in eine Gratis-Bibliothek mit 25.000 Werken. Inzwischen ist Gutierrez, der als Kind nur die Volksschule besucht hat, in dem südamerikanischen Land als "Herr der Bücher" bekannt, der Schulen im ganzen Land mit Literatur versorgt. Zu Tolstois Klassiker kamen etwa "Der kleine Prinz", Jostein Gaarders Philosophie-Roman "Sofies Welt", Homers "Ilias" und Romane des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Marquez.


Die Macht der Worte
Dann meldeten sich die ersten Nachbarn, um Bücher zu leihen, die ihre Kinder in der Schule brauchten. "Es gab einen Mangel daran in unserer Nachbarschaft", erzählt Gutierrez.

Im Jahr 2000 eröffnete er mit seiner Frau Luz Mery und ihren drei Kindern im Erdgeschoß seines Häuschens im Arbeiterviertel Nueva Gloria auf 90 Quadratmetern eine kostenlose Bibliothek mit dem aussagekräftigen Namen "Die Macht der Worte". Da viele Bücher in einem schlechten Zustand waren, reparierte seine Frau, eine Näherin, die interessantesten Titel. Die Kunde verbreitete sich schnell. Es meldeten sich freiwillige Helfer, und der Müllmann wurde zu Buchmessen in Santiago de Chile und in der mexikanischen Stadt Monterrey eingeladen.

Anfangs holte er die Bücher von den Straßen, inzwischen erhält er viele Buch- und Geldspenden, zahlt jedoch auch einiges aus eigener Tasche. "Wir sind mit einem Fluch gesegnet", sagt er. "Je mehr Bücher wir weggeben, umso mehr kommen zu uns."

Wenn Bücher verändern
Heute gleicht das Haus einem Labyrinth aus Papier - so groß wurde die Sammlung, dass Lesestunden für Kinder im Haus aus Platzmangel abgesagt werden mussten. Stattdessen reist die Familie umher, um hunderte arme und entlegene Bezirke mit kostenlosen Büchern zu versorgen.

Gutierrez’ Liebe zur Literatur wurde von seiner Mutter geweckt, die ihren Kindern in ihrer Hütte auf dem Land jeden Abend vorlas: "Sie war es, die mich erleuchtete", schwärmt er. Nun will er sogar seinen Schulabschluss nachholen: Derzeit lernt der dreifache Vater für die Prüfungen, im Juli will er die Matura machen.

Unter den Leuten, die ihn mit der Bitte um Bücher kontaktierten, war auch ein Kämpfer der Guerillaorganisation Farc, die im November nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg einen Friedensvertrag mit der Regierung unterzeichnete. Seither werden die 7000 Mitglieder der linksgerichteten Rebellenorganisation zur Entwaffnung in Demobilisierungszonen versammelt. Ein Farc-Vertreter bat um Bücher für die Rebellen, die sich nun auf zivile Jobs und ein bürgerliches Leben vorbereiten. "Bücher haben mich verändert", betont Gutierrez. Nun könnten sie auch für die ehemaligen Kämpfer "ein Symbol der Hoffnung, ein Symbol des Friedens" sein.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-09 15:45:06
Letzte Änderung am 2017-06-09 16:08:12


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