"Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura."

Walter Benjamin

Die bildliche Dokumentation des eigenen Alltags ist für viele selbstverständlich geworden. Das hat die Art verändert, wie wir die Welt wahrnehmen - mitunter durch den suchenden Blick für das nächste Foto-Motiv. Und es hat die Weise verändert, in der wir erinnern - meist delegieren wir die Erinnerungsbilder an das digitale Archiv. Das Gehirn neigt dann dazu, die stets abrufbaren fotografierten Sujets zu speichern und damit die erlebte Erinnerung zu überschreiben. Der Teil, der von der Realität zum Foto verloren geht, ließe sich mit dem beschreiben, was Walter Benjamin bereits 1935 mit dem Verlust der Aura beklagte in seinem Aufsatz über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Was für das Kunstwerk im Speziellen gilt, bleibt für die Realität im Allgemeinen gültig.

Die lange Zeit geltenden Fotografierverbote in Museen kommen jedoch aus einer anderen Ecke. Fotografieren ohne Blitz war in Museen lange Zeit sinnlos und lieferte maximal verwackelte Schnappschüsse. Mit dem Aufkommen hochauflösender Handykameras änderte sich das schnell. Der Blitz ist nach wie vor ein konservatorisches Tabu für die Kunstwerke. Um die Aura scheint sich dabei kaum jemand Sorgen zu machen. Wurden Aufnahmen anfangs versteckt aus der Hüfte geschossen, mit einem Kontrollblick auf die Aufsichtsperson, wird heute in den meisten Museen hemmungslos auf den Auslöser gedrückt. Museen waren damit in den vergangenen Jahren gezwungen, ihre Foto-Richtlinien der digitalen Revolution anzupassen. Als letztes der großen Wiener Museen hat nun das Belvedere sein allgemeines Fotografierverbot aufgehoben. Die neue Direktorin Stella Rollig begreift Fotos aus ihrem Haus in den Sozialen Medien - wie die meisten ihrer Wiener Kollegen - als willkommene Gratis-Publicity. Und als Möglichkeit, junge Besucher langfristig an das Haus zu binden.

Betritt man das Belvedere und macht sich auf die Suche nach dem beliebtesten Foto-Sujet, Gustav Klimts "Kuss", so muss man sich entscheiden - zwischen dem Original in einem leicht abgedunkelten Raum und einer Replik, die bei besten Foto-Lichtbedingungen ausgiebig als Selfie-Station genutzt werden kann. Die Kopie des Meisterwerkes erfreut sich nicht nur unter Küssenden enormer Beliebtheit und bleibt auch nach dem Fall des Fotografierverbotes Teil der Dauerausstellung.