Wien. Kantige Körper, riesige Augen grelle Farben und viel Action. Kinder der 80er und 90er kennen die Zeichentrickserien aus Japan, genannt Anime, bestens: "Dragonball", "Detektiv Conan", "One Piece", um nur wenige der prominenten Vertreter ihrer Art zu nennen. Die Charaktere wurden für viele dieser Generation prägend, sie wurden zu Helden und Vorbildern, ähnlich den Ikonen aus dem Hause Disney. Doch gerade in Österreich hatten die meisten bereits früher ihren ersten Kontakt mit dem japanischen Zeichenstil, und das vielleicht, ohne es als klassisches Anime wahrzunehmen. Die aus dem Jahr 1974 stammende, bei uns mittlerweile Kultstatus besitzende Serie "Heidi" war ein Anime, an dem sogar die Regielegende und der spätere Oscarpreisträger Hayao Miyazaki mitwirkte.

Waren die frühen Übersetzungen im deutschsprachigen Fernsehen, man erinnere sich an die "Kickers" von 1992, noch klar einer jüngeren Zielgruppe zugeschrieben, übersiedelten im Laufe des Jahrzehnts immer mehr Serien in den Westen, welche auch den Geschmack älterer Zuschauer treffen sollten. Gerade in Bezug auf den Gewalt- und Blutgrad waren die Fernsehumsetzungen der Mangas (japanische Comics) wie "Hellsing" oder "Neo Genesis Evangelion" äußerst explizit. Ein geradezu lächerlicher Umstand, bedenkt man die strenge Zensurpolitik der damaligen Zeit. Während in Action- und Horrorfilmen jeder Blutstropfen geschnitten wurden, schnetzelten und zerrissen "die ja nur gezeichneten", Figuren aus "Hellsing" auf Viva ungeschnitten ganze Gegnerhorden.

Es war im deutschsprachigen Raum RTL2, das mit seinem Nachmittagsprogramm Anime-Serien in den Mainstream holte. Spätestens mit "Pokémon", der Umsetzung der Videospielreihen von Nintendo, waren Animes etabliert. Das Merchandise boomte, egal ob Spiele, Stofftiere oder Rucksäcke. Pikachu, das gelbe Maskottchen, wurde zu einem weltweit bekannten Symbol und der 1998 in deutschsprachigen Kinos ausgestrahlte Kinofilm erzielte Rekordergebnisse.

Emotion und Unschuld


Das Experiment des Anime-Nachmittags aus RTL2 war also geglückt und sollte nun erst richtig starten. Zu Glanzzeiten liefen auf RTL2 acht verschiedene Animeserien pro Tag, wobei besonders die männlichen Zuschauer dank der vor Testosteron strotzenden Charaktere aus "Dragonball Z" pünktlich kurz vor 20 Uhr auf ihre Kosten kamen. Mädchen wurden hingegen durch die knallbunte und auf Herzschmerz setzende Serie "Doremi" bedient. Und wer könnte "Sailor Moon" vergessen?