Die Gründe für den Hype lassen sich nur schwer ergründen. Feststeht, dass der generelle Stil etwas Neues und völlig anderes darstellte als die bekannten Disney- oder Warner-Figuren. Es sind gewisse äußerliche Merkmale, welche Animes einen solch eigenen Charakter geben. Da wären zunächst die Augen, die bei den meisten Figuren knapp ein Drittel des Gesichts ausmachen. Das hat einen einfachen Grund: Die Augen sollen die Emotionen transportieren und so lesbar machen. Das Kindchenschema soll zudem positive Züge und Unschuld vermitteln.

Dann wäre da noch das brisante Detail um die meist großzügig ausfallende Oberweite. Tatsächlich zeichnen sich selbst in den kinderfreundlichen Serien wie "Ranma 1/2" viele Protagonistinnen mit medizinisch unglaubwürdiger Figur. Was die Botschaft hinter diesem Stil sein soll, bleibt im Unklaren.

Zu guter Letzt ist es der tiefst pathetische Ansatz, mit dem die Figuren agieren. Ein Kampf, ein Kuss oder ein Gruß kann als solcher nicht im Raum stehen bleiben. Er muss von einer Tragik getragen werden, welche jede Telenovela vor Neid erblassen ließe. Schmalzige Rückblenden, am besten in Schwarz-Weiß, sollen Tiefgang vermitteln. So weiß auch der jüngste Zuschauer: hier geht es um Emotionen von knallharten Charakteren. Wenn den sonst so coolen, Sprüche klopfenden Helden vor einer Konfrontation noch eine gigantische Träne aus dem gigantischen Auge hinunterkullert, ist die nötige Ernsthaftigkeit der Szene mühelos übertragen.

Der Stream als Nahversorger


Jedoch, die 90er sind vorbei, RTL2 steht wieder ausschließlich für Reality-TV-Formate, die Kinder sind zu jungen Erwachsenen geworden und die "Pokémon" sind aufs Smartphone abgewandert. Doch der Anime bleibt: Durch die Leidenschaft der Kunstform, die von so vielen tagtäglich konsumiert wurde, stieg der Wunsch nach mehr. Und dieser Bedarf wird über das Internet gestillt. Es öffnete ein Portal zu einer Welt unzähliger Serien, Filme und Comics aus Japan und ermöglicht es jungen Erwachsenen, Spaß und Spannung mit dieser Form des "Cartoons" zu haben. "Attack on Titan", welcher mit einer eher missglückten Realverfilmung aus Japan beglückt wurde, erzählt etwa düstere Geschichten durch teils grausam brutale Bilder, welche nie von Kindern konsumiert werden sollten. Aber dennoch generiert diese "Zeichentrickserie" ein Publikum, groß genug, um nun sogar eine Neuauflage Hollywoods aufkommen zu lassen.

Über die Streamingportale stehen unzählige Serien zur Verfügung, und das zumeist sowohl in der übersetzten als auch der Originalfassung. Die nostalgische Romanze, in der die fixen Sendezeiten eingehalten wurden, mögen dadurch der Vergangenheit angehören, werden jedoch durch die Vorteile übertrumpft. Sowohl alteingesessene Pokémonfans, aber auch neue und experimentelle Serien warten bei Netflix & Co auf ihr Publikum.

Es war ein langer Weg, doch die Zeiten, in denen Animes als Randprodukte galten, scheinen vorbei. Immer mehr Serien aus der Kindheit erhalten Kinofassungen, welche auch im deutschsprachigen Raum ausgestrahlt werden. Die Hollywood Academy hat spätestens mit der Oscar-Auszeichnung für Hayao Miyazaki für "Chihiros Reise ins Zauberland" gezeigt, dass auch sie für die Thematik offen ist und einer der meisterwarteten Filme des Jahres 2017 war die US-Realfilmumsetzung des Animes "Ghost in the Shell". Eine potenziell sonnige Zukunft also, welche wir mit weit geöffneten Augen erwarten.