"Valar morghulis" - jeder Mann muss sterben. So lautet ein weitverbreiteter, fast philosophisch anmutender Gruß in der Erfolgsserie "Game of Thrones". Und es könnte auch gut das ungeschriebene Motto der Serie sein, die am Wochenende in die lange ersehnte siebente Staffel geht. Alle Menschen müssen sterben. In der Tat: Manche früher, manche später, wobei die Hauptfiguren im Epos rund um den Kampf um den Eisernen Thron von Westeros traditionell ein kurzes Leben haben. Das Hackebeil, der Giftbecher, der Speer von hinten durch die Brust gerammt, - gehäutet, geviertelt oder unter grünen Flammen in die Luft gesprengt: Das Ende ist nie fern, auch bei tragenden Figuren, mit denen man sympathisiert und von denen man es sich nicht vorstellen kann, wie die Serie ohne sie weitergehen soll.

Jeder ist ersetzbar

Doch ist bekanntlich jeder ersetzbar. Dieses eherne Gesetz hat Autor G. R. R. Martin schon von Anfang an etabliert, als er mit Ned Stark kurzerhand den Protagonisten der ersten Staffel sterben ließ. Und genau das ist wohl auch einer der Eckpfeiler des Erfolgs: Es gibt keinen Welpenschutz für besondere Publikumslieblinge - je näher das Ende einer Staffel rückt, desto mehr muss man um seine liebgewonnen Figuren zittern. Das macht die Sache natürlich besonders spannend. Und es bricht mit gelernten Fernseh-Konventionen.

Ein weitererer Faktor des Wohlgefallens ist sicher die Breite an Genres, die "Game of Thrones" mit der Zeit bedient. Stand am Anfang noch das gepflegte Mittelalter-Drama im Vordergrund, schlich sich im Laufe der Zeit - sozusagen über die Hintertüre - der Fantasy-Anteil ein. Aus den als Ziergegenstand gedachten Dracheneiern wurden Drachen, und vom Norden her machte sich gar eine Armee von Frost-Zombies auf den Marsch Richtung Süden. Diese Handlungsstränge wurden aber so geschickt und wohldosiert verwoben, dass die Fantasy- oder Zombie-Skeptiker bereits zu sehr an der Nadel hingen, als dass sie der Serie noch den Rücken kehren würden.

Martin griff dabei tief in die Kiste gängiger Motive und klassischer Vorgaben. Liebhaber aufwendigster Schlachtszenen, die schon fast "Herr der Ringe"-Niveau haben, kommen genauso auf ihre Rechnung wie die Fans des Intrigenspiels, das nahezu shakespearesche Qualitäten hat: Verrat, Ehre, Rache oder Inzest auf dem Herrscherthron, das alles sind sehr klassische Zutaten, die sich quer durch die Jahrhunderte durch die Dramatik ziehen - von Shakespeare über die französische Klassik von Racine und Corneille, bis hin zu Schiller oder Strindberg.

Aber auch historische Zitate gibt es reichlich. Etwa die "Rote Hochzeit", bei der am Ende der dritten Staffel die halbe Stark-Familie hingemetzelt wird. Die Geschichte kennt sie als "Pariser Bluthochzeit" von 1572, dem blutigen Höhepunkt der Hugenottenkriege. Der gerechtfertigte Königsmord an Aerys II. Targaryan, der ganz am Anfang der Geschichte steht, zeigt wiederum Parallelen zu Nero, der ganz Rom in Flammen untergehen lassen wollte. Oder der Akt des Inzests, der einen gefährlichen Sadisten auf den Thron bringt - auch das ist bekanntlich in der Geschichte des Hochadels keine Seltenheit.

Es sind genau diese wohlbekannten Motive, die die erzählte Welt in "Game of Thrones" mit einem soliden Fundament untermauern. Der Giftmord an einem verhassten Tyrannen, die verdiente Rache des kleinen Mädchens, das zusehen musste, wie sein Vater enthauptet wird, der Kommandant, der von seinen eigenen Leuten hingerichtet wird, die Sklaven, die sich aus Dankbarkeit ihrem Befreier anschließen - das alles kennen wir aus anderen Geschichten - aber nicht in einer gigantischen, detailreichen Welt verpackt. Mit Regeln, die unserer an manchen Stellen ähnlich sind, aber dann doch wieder ins Reich der Fantasie hinaus wachsen.

Der Tiefgang ist auch dann zu spüren, wenn man nicht weiß, dass es sich Autor Martin nicht nehmen hat lassen, komplett ausgestattete Sprachen für seine Welt zu entwickeln - womit er endgültig auf den Spuren von J. R.R. Tolkien wandelt. Hatte Tolkien für "Herr der Ringe" eigens Elbisch entworfen, so setzte Martin mit Valyrisch und Dothraki nach. Die Szenen, in denen Daenerys Targaryen, die Mutter der Drachen, minutenlang in ihrer Muttersprache Valyrisch zu den befreiten Sklaven spricht (freundlicherweise gibt es Untertitel) gehören zu den besten Momenten der Serie. Etwa dann, wenn ein arroganter Sklavenhändler Daenerys auf valyrisch vulgär beleidigt, ohne zu wissen, dass sie ihn versteht. Eine Frechheit, für die er wenig später im Drachenfeuer ("Dracarys!") mit dem Leben bezahlt.

Das extrem hohe Budget von 100 Millionen Dollar pro Staffel und die aufwendige Produktion tragen wohl ihr übriges zum Gelingen bei - und sorgten dafür, dass "Game of Thrones" zum Massenphänomen geworden ist - sogar das ehrwürdige Kunsthistorische Museum in Wien hat ein Gemälde mit "Game of Thrones"-Motiven ausgestellt.

Mit sperrigen Tabus oder der Rücksichtnahme auf das verklemmte amerikanische Publikum gibt man sich - auch dank der freizügigen Politik des Pay-TV-Senders HBO - erst gar nicht ab. In "Game of Thrones" wird gevögelt, dass es nur so eine Freude ist. Fans haben sogar einen "Busenindex" für die Serie errechnet: Im Schnitt 5,6 Brüste sind pro Folge zu sehen. Ein hoher Wert für ein Publikum, das es ernsthaft für einen Skandal hält, wenn Janet Jackson beim Super-Bowl-Auftritt ihre Brust entblößt.

Huren, Hexen, Anarchisten

Sektierer, Huren, schwule Prinzen, Ritterinnen, skrupellose Söldner, hüllenlose Hexen, altersgeile Gelehrte, üble Geschäftemacher, Anarchisten und religiöse Eiferer, die in ihrer Verblendung über Leichen gehen: Männer, Frauen, Kinder, Greise, Zwerge, Entstellte, Behinderte - sie alle haben Anteil an Westeros. Mit ihnen wird ein dichtes Netz an Beziehungen gesponnen, sie lieben, hassen, vertrauen einander.

Wer bei dieser Serie mit dabei sein will, hat keine Chance, mittendrin einzusteigen. Die Welt von Westeros erschließt sich nur dem, der bereit ist, den Weg Martins getreulich mitzugehen. Der Autor macht es dem Zuschauer nicht leicht, er verlangt Disziplin. Vor allem jedoch Geduld, denn Martin ist nicht der schnellste Schreiber, was dazu führte, dass die TV-Produktion die Bücher mittendrin überholt hat. Martin musste deshalb den Produzenten das Ende verraten - sicherheitshalber. Denn auch für den 68-Jährigen gilt: "Valar morghulis!"