• vom 11.07.2017, 18:10 Uhr

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Shakespeares Erben




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Aber auch historische Zitate gibt es reichlich. Etwa die "Rote Hochzeit", bei der am Ende der dritten Staffel die halbe Stark-Familie hingemetzelt wird. Die Geschichte kennt sie als "Pariser Bluthochzeit" von 1572, dem blutigen Höhepunkt der Hugenottenkriege. Der gerechtfertigte Königsmord an Aerys II. Targaryan, der ganz am Anfang der Geschichte steht, zeigt wiederum Parallelen zu Nero, der ganz Rom in Flammen untergehen lassen wollte. Oder der Akt des Inzests, der einen gefährlichen Sadisten auf den Thron bringt - auch das ist bekanntlich in der Geschichte des Hochadels keine Seltenheit.

Es sind genau diese wohlbekannten Motive, die die erzählte Welt in "Game of Thrones" mit einem soliden Fundament untermauern. Der Giftmord an einem verhassten Tyrannen, die verdiente Rache des kleinen Mädchens, das zusehen musste, wie sein Vater enthauptet wird, der Kommandant, der von seinen eigenen Leuten hingerichtet wird, die Sklaven, die sich aus Dankbarkeit ihrem Befreier anschließen - das alles kennen wir aus anderen Geschichten - aber nicht in einer gigantischen, detailreichen Welt verpackt. Mit Regeln, die unserer an manchen Stellen ähnlich sind, aber dann doch wieder ins Reich der Fantasie hinaus wachsen.

Der Tiefgang ist auch dann zu spüren, wenn man nicht weiß, dass es sich Autor Martin nicht nehmen hat lassen, komplett ausgestattete Sprachen für seine Welt zu entwickeln - womit er endgültig auf den Spuren von J. R.R. Tolkien wandelt. Hatte Tolkien für "Herr der Ringe" eigens Elbisch entworfen, so setzte Martin mit Valyrisch und Dothraki nach. Die Szenen, in denen Daenerys Targaryen, die Mutter der Drachen, minutenlang in ihrer Muttersprache Valyrisch zu den befreiten Sklaven spricht (freundlicherweise gibt es Untertitel) gehören zu den besten Momenten der Serie. Etwa dann, wenn ein arroganter Sklavenhändler Daenerys auf valyrisch vulgär beleidigt, ohne zu wissen, dass sie ihn versteht. Eine Frechheit, für die er wenig später im Drachenfeuer ("Dracarys!") mit dem Leben bezahlt.

Das extrem hohe Budget von 100 Millionen Dollar pro Staffel und die aufwendige Produktion tragen wohl ihr übriges zum Gelingen bei - und sorgten dafür, dass "Game of Thrones" zum Massenphänomen geworden ist - sogar das ehrwürdige Kunsthistorische Museum in Wien hat ein Gemälde mit "Game of Thrones"-Motiven ausgestellt.

Mit sperrigen Tabus oder der Rücksichtnahme auf das verklemmte amerikanische Publikum gibt man sich - auch dank der freizügigen Politik des Pay-TV-Senders HBO - erst gar nicht ab. In "Game of Thrones" wird gevögelt, dass es nur so eine Freude ist. Fans haben sogar einen "Busenindex" für die Serie errechnet: Im Schnitt 5,6 Brüste sind pro Folge zu sehen. Ein hoher Wert für ein Publikum, das es ernsthaft für einen Skandal hält, wenn Janet Jackson beim Super-Bowl-Auftritt ihre Brust entblößt.

Huren, Hexen, Anarchisten
Sektierer, Huren, schwule Prinzen, Ritterinnen, skrupellose Söldner, hüllenlose Hexen, altersgeile Gelehrte, üble Geschäftemacher, Anarchisten und religiöse Eiferer, die in ihrer Verblendung über Leichen gehen: Männer, Frauen, Kinder, Greise, Zwerge, Entstellte, Behinderte - sie alle haben Anteil an Westeros. Mit ihnen wird ein dichtes Netz an Beziehungen gesponnen, sie lieben, hassen, vertrauen einander.

Wer bei dieser Serie mit dabei sein will, hat keine Chance, mittendrin einzusteigen. Die Welt von Westeros erschließt sich nur dem, der bereit ist, den Weg Martins getreulich mitzugehen. Der Autor macht es dem Zuschauer nicht leicht, er verlangt Disziplin. Vor allem jedoch Geduld, denn Martin ist nicht der schnellste Schreiber, was dazu führte, dass die TV-Produktion die Bücher mittendrin überholt hat. Martin musste deshalb den Produzenten das Ende verraten - sicherheitshalber. Denn auch für den 68-Jährigen gilt: "Valar morghulis!"

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