In ihrem Endbericht wird die Polizei den Demonstranten später vorwerfen, sie hätten den Angriff auf die staatliche Ordnung des Landes langfristig geplant. Sie seien schuld an den Ausschreitungen in Wien, die im Jahr 1927 im Brand des Justizpalastes gipfelten. Und somit indirekt auch am Tod von über 80 Menschen.

Dieser Schuldzuweisung widerspricht der Historiker Gerhard Botz: "Erst als die berittene Polizei die Demonstranten angreift, gerät die Lage außer Kontrolle." Die Ergebnisse seiner Untersuchungen sind Teil einer neuen Dokumentation, die sich mit den verheerenden Vorkommnissen des schicksalhaften 15. Juli 1927 beschäftigt. Jener Tag, der rückblickend das Ende der Demokratie in der Ersten Republik markiert.

Regisseur Fritz Kalteis beschreibt in seiner Dokumentation "Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen" (Sa., 20.15 Uhr, ORFIII), wie es zu den Ausschreitungen und der sogenannten "Julirevolte" in Wien einst gekommen ist.

Die Unzufriedenheit der Bevölkerung war bereits länger spürbar. Sie erreichte einen vorläufigen Höhepunkt, als am Abend des 14. Juli das "Schattendorfer Urteil" bekannt wurde. In dem Prozess hatte ein Geschworenengericht drei Mitglieder des rechten Frontkämpferverbandes Deutsch-Österreich freigesprochen, die im burgenländischen Schattendorf bei einer Auseinandersetzung mit dem Republikanischen Schutzbund zwei unschuldige Menschen getötet hatten: einen sozialistischen Kriegsinvaliden und ein siebenjähriges Kind. Zwar plädierte der Staatsanwalt auf schuldig, die Geschworenen entschieden jedoch mit 7:5 gegen einen Schuldspruch und der mutmaßliche Mord wurde als Notwehr dargestellt. Schattendorf erlangte durch dieses Urteil traurige Berühmtheit und stand damals stellvertretend für zahlreiche andere Gemeinden Österreichs, in denen das zunehmend verschärfte politische Klima im Land ebenfalls spürbar war.

Fritz Kalteis hat den Prozess für seine Dokumentation teilweise nachgestellt - mit prominenter Unterstützung, wie dem Präsident des Wiener Landesgerichts, Friedrich Forsthuber, und dem Strafverteidiger Rudolf Mayer. Basis für die Nachstellung ist der über 1000 Seiten dicke Originalakt des Schattendorf-Prozesses, der im Wiener Stadtarchiv gelagert ist. Trotz des beachtlichen Umfangs, lassen die Unterlagen jedoch Fragen offen: Ist der Prozess fair abgelaufen oder wurde manipuliert? Wie kam es zu den Freisprüchen?

Josefa Trimmel-Tscharmann erklärt in der Dokumentation ihre Sicht der Dinge. Sie war die Tochter von Hieronymus Tscharmann, einer der Täter, und trat für die Rehabilitation des Vaters ein. Ihrer Überzeugung nach sei nämlich Aggression des Schutzbundes der Auslöser für die tragischen Ereignisse gewesen. Große Teile der Bevölkerung teilten ihre Meinung damals jedoch nicht. Nach Bekanntwerden des Urteils, kommt es zu ersten Demonstrationen, der sich immer mehr Menschen anschließen und die schließlich außer Kontrolle geraten. Der Justizpalast wird gestürmt, die Polizei erhält Schießbefehl und feuert in die Menge - es bricht Chaos aus und Österreich steht plötzlich am Rande eines Bürgerkriegs. "Der Justizpalastbrand ist die große blutende Wunde der Ersten Republik. Von da an gibt es eine gerade Linie, die über den Februar 1934 direkt in den März 38 führt. Dieser Tag markiert einen Wendepunkt am Weg von der Demokratie zu einem autoritären Regime", analysiert Zeithistoriker Gerhard Jagschitz die Tragweite.

Dass selbst nach Ende des Zweiten Weltkriegs keine Aufarbeitung der Vorkommnisse stattgefunden hat, steht stellvertretend für die gesamte Republik, in der ein "Mantel des Schweigens" über die Vergangenheit gebreitet wurde. So auch über den Schattendorf-Prozess selbst: "Man muss sich vorstellen, dass die Schützen ja noch immer im Dorf gelebt haben", erzählt der ehemalige Kulturminister Josef Ostermayer. Seine verstorbene Großmutter war Augenzeugin, als ihr kleiner Bruder erschossen wurde.

Der Mantel des Schweigens sollte die Republik noch lange Zeit umhüllen. Erst nach und nach wurde mit der Aufarbeitung begonnen. Abgeschlossen ist sie offenbar noch immer nicht. Wahrscheinlich wird sie es nie sein.