• vom 26.07.2017, 11:39 Uhr

Medien

Update: 26.07.2017, 18:19 Uhr

Die Tagespresse

"Am Anfang habe ich mich ein bisschen angeschissen"




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Von WZ Online

  • Fritz Jergitsch über den überraschenden Erfolg von "Die Tagespresse" und die Grenzen von Satire.

"Die Tagespresse"-Gründer Fritz Jergitsch bei der Diskussionsveranstaltung "Aufmacher - die Medienrunde".

"Die Tagespresse"-Gründer Fritz Jergitsch bei der Diskussionsveranstaltung "Aufmacher - die Medienrunde".© Andreas Sator "Die Tagespresse"-Gründer Fritz Jergitsch bei der Diskussionsveranstaltung "Aufmacher - die Medienrunde".© Andreas Sator

Wien. Witze über Sonderschulen, Politiker und Religion: Das Satire-Medium "die Tagespresse" kennt keine Tabus. "Bei jedem liegt die Grenze von Satire woanders", sagt "Die Tagespresse"-Gründer und Chefredakteur Fritz Jergitsch. Bei der gestrigen Diskussion von "Aufmacher - die Medienrunde" in Wien-Margareten sprach der 26-Jährige über sein Geschäftsmodell und darüber, ob Satire alles darf.

Zwar wolle er nicht Witze auf Kosten von Minderheiten machen, aber "wenn die Pointe strahlt" könne das schon einmal passieren - wie bei der Meldung: "Plagiatsvorfwurf gegen Andreas Gabalier: Hat er bei seinem Sonderschulabschluss abgeschrieben?"

Information

Zahlen und Fakten:
Die Tagespresse hat . . .
350.000 Fans auf Facebook
je 10.000 Newsletter-Abonnenten und App-Nutzer
70 Prozent der Zugriffe kommen über Facebook
60 Prozent der LeserInnen leben in Wien

Die Diskussion mit Fritz Jergitsch fand im Rahmen der monatlichen Diskussionsreihe "Aufmacher - die Medienrunde" statt, die von Andreas Sator (DER STANDARD), Christoph Schlemmer (APA) und Bettina Figl (Wiener Zeitung) ins Leben gerufen wurde. Newsletter für genauere Infos und Termine: http://bit.ly/2skRSPW.

Beim nächsten Termin im August sprechen Florian Rainer (freier Fotograf) und Jutta Sommerbauer (Außenpolitik-Redakteurin bei "Die Presse") über die Ukraine. Die beiden reisten im Frühjahr 2017 für drei Wochen in den ostukrainischen Donbass, um für ihr gemeinsames Projekt "Grauzone" zu recherchieren. Die Reise führte sie in Orte entlang der 480 Kilometer langen Frontlinie, wo sie den Alltag der Menschen im Kriegsgebiet dokumentierten und auf beiden Seiten mit BewohnerInnen und Bewaffneten sprachen. Das Projekt, aus dem ein Bild-Text-Band entstehen soll, wird von der deutschen Robert-Bosch-Stiftung mit einem "Grenzgänger"-Stipendium unterstützt. 

"Humor ist immer eine Grenzüberschreitung"

"Es wäre besser gewesen, wir hätten 'Baumschule' geschrieben", sagt Jergitsch rückblickend. Im Nachhinein löscht er aber nichts. Nach der Veröffentlichung der Meldung "Schaden dem Handel: WKO fordert Verbot von selbstgebastelten Geschenken"  schreib ein erboster Bastel-Shop-Betreiber per E-Mail: "Satire schön und gut, aber nicht gegen Bastel-Shops".

"Humor ist immer eine Grenzüberschreitung – es kommt auf die individuelle Grenze an", sagt Jergitsch. Pressesprecher oder Parteifunktionäre wollen immer wieder intervenieren – wie zuletzt die Junge ÖVP (JVP), nachdem "Die Tagespresse" über Sebastian Kurz scherzte. "Die Kritik der JVP-Mitglieder hat mich geehrt. Das ist das Beste, was einem Satiriker passieren kann."

Überraschungs-Erfolg mit Snowden-Meldung 

Wie kam es dazu, dass der 26-Jährige, der bis vor vier Jahren laut eigener Aussage "nichts Lustiges produziert hat", heute von Satire leben kann? 2013 hat Jergitsch "Die Tagespresse" nach dem Vorbild der deutschsprachigen Satire-Webseite "Der Postillion" gegründet. Seit längerem hat er sich eine solche Seite in Österreich gewünscht, und dachte sich: "Wenn es wirklich keiner macht, mache es eben ich."

Zwei Tage nach der Veröffentlichung hatte "Die Tagespresse" – aufgesetzt als einfacher Wordpress-Blog – 20.000 Zugriffe, der zweite Erfolg kam ein Monat später: Der Artikel "Snowden in Wien Gelandet: Vetraut in Trägheit der Justiz" führte zu zahlreichen Anfragen internationaler Medien beim österreichischen Außenministerium. Daraufhin schrieb der Sprecher des damaligen Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger, auf Twitter: "Edward Snowden ist NICHT in Wien, zumindest bis jetzt nicht...;)"

"Ich saß in Mamas Wohnzimmer und habe die Welt verarscht"

"Am Anfang habe ich mich schon ein bisschen angeschissen", sagt Jergitsch, der damals noch zuhause bei seiner Mutter wohnte. Er habe sich aber auch gefreut: Die Idee, dass seine Satire von anderen für bare Münze genommen werden soll, funktionierte: "Ich saß bei der Mama im Wohnzimmer und habe die ganze Welt verarscht. Von da an ging es stetig bergauf", sagt Jergitsch.

Der bisher erfolgreichste Artikel war "Aus Rache: Luftstreitkräfte werfen Pornohefte und Bier auf IS ab", er wurde auf Facebook fast 150.000 Mal geteilt und geliked. Geht es dem Jungunternehmer nur um Klicks, oder will er mit seiner Satire auch etwas erreichen? "Wir wollen den Mächtigen den Spiegel vorhalten, aber wir müssen auch ein Büro und unsere Mitarbeiter zahlen – man muss schon seine Seele ausschalten, um Umsatz zu machen."

Eigene ORF-Sendung ab September

Heute sind sie zu dritt: Jergitsch, Sebastian Huber und Jürgen Marschal sind fixe "Die Tagespresse"-Autoren. Die drei haben eine GmbH gegründet, 60 Prozent gehören Jergitsch, je 20 Prozent den anderen beiden. Seit zwei Jahren können sie nur von dem Satire-Medium leben. Einnahmen kommen von Banner-Werbung und Native Advertising.

Ab September 2017 bekommen sie eine eigene ORF-Sendung: Das 20-minütige Satire-Format wird am Dienstagabend nach "Willkommen Österreich" ausgesendet, vorerst bis Weihnachten. Wie genau das Format aussehen soll, will Jergitsch noch nicht verraten, sagt aber: "Es wird eine Art 'Zeit im Bild' mit ein bisschen mehr Magazin-Beiträgen."

Zusätzlich zu dem Dreier-Autorenteam hat die Tagespresse neun freie Mitarbeiter, darunter zwei Frauen. Doch Frauen als Autorinnen zu gewinnen, sei gar nicht so einfach, sagt Jergitsch: "90 Prozent der Bewerbungen kommen von Männern." Wer für die Tagespresse arbeiten will, braucht übrigens keinen lupenreinen Lebenslauf, sondern vor allem Humor: Eine freie Mitarbeiterin hat ihren Job bekommen, nachdem sie einfach nicht aufgehört hat, Headlines zu schicken. "Am Anfang war sie nicht lustig, dann schon. Seitdem hat sie den Job."

"Aus dem Vergleich mit anderen schöpfe ich Kraft"

Jergitsch erzählt, im Grunde arbeiten sie wie andere Online-Medien auch: "Wir bereiten nicht tagelang eine Reportage vor, sondern suchen aktuelle Konflikte, Dinge, die emotionalisieren, und versuchen das in einen Witz zu verpacken." Sie durchsuchen Schlagzeilen und das Standard-Forum nach aktuellen Meldungen, denn: "Aktualität zieht, mit aktuellen Themen erwischt du die Leute mehr."

Drei junge Männer, die sich jeden Tag treffen, Witze machen und diese auf Facebook verbreiten. Klingt nach einem Traumjob – doch auch hier holt einen der Alltag ein, sagt Jergitsch: "Aber die Medienbranche ist hart für Berufseinsteiger, das höre ich immer wieder im Freundeskreis. Aus diesem Vergleich schöpfe ich Kraft."

"Liberal, ein bisserl links" 

Wie beschreibt Jergitsch seine politische Einstellung? "Liberal und ein bisserl links", sagt er. Es gäbe bei jeder Partei "mindestens drei Sachen die mich extrem stören. Aber Peter Pilz will Cannabis für medizinische Zwecke legalisieren – ich glaube, er hat meine Stimme", sagt er scherzhaft.

Eines der Probleme in der österreichischen Medienlandschaft ist für ihn, dass die meisten Medien Bezahlschranken schlecht umsetzen: "Ich will nicht 20 Felder ausfüllen, man muss ein Abo mit einem Klick abschließen können." Die mediale Zukunft im Allgemeinen sieht er positiv: "BuzzFeed oder der New York Times geht’s super, ich glaube, dass dieser Trend auch nach Österreich kommen wird. In zehn Jahren werden acht Millionen Österreicher nur noch Online lesen, und gar keine Printprodukte."

Darüber, wie die Zukunft seines eigenen Online-Mediums aussehen wird, kann er nichts sagen: Wenn Facebook eingeht, sei alles vorbei – oder "wenn Schwarz-Blau kommt und Satire verbietet".





Schlagwörter

Die Tagespresse, Satire, Humor

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Dokument erstellt am 2017-07-26 11:41:04
Letzte Änderung am 2017-07-26 18:19:27


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