Wien. Loftartige Räumlichkeiten im zwanzigsten Wiener Gemeindebezirk beherbergen das funktional-bescheidene Büro von Radio Orange. Annemarie P’art, die gleich die 7-Uhr-Sendung produzieren wird, richtet sich im Live-Studio ein. "Ich kann das machen, bis ich 80 bin", lacht die 43-Jährige, die ihre Yoga-Sendung VenusFrequency als "lovechild" bezeichnet.

Rund 500 Menschen gestalten beim Freien Radio Wien in 150 Redaktionen ehrenamtlich Sendungen zu globalen Themen, Minderheitenrechten und Musik - um nur einige zu nennen. Manche live im Studio, manche von zu Hause aus. "Radio Orange 94.0" ist eines von 14 freien Radios in Österreich, die eine Lizenz ergattern konnten. Das sind ganz normale über Antenne empfangbare UKW-Radios, die keine Werbung senden dürfen.

Auf Subventionen angewiesen


Annemarie hat lange in einem "Community Supported" Radio in den USA mitgearbeitet. Solche Radios können nur durch Staatssubventionen existieren - durch die Präsidentschaft Donald Trumps sieht sie die Fördermittel in Gefahr. Im Fall von Radio Orange läuft die Finanzierung halb über die MA13 der Stadt Wien und halb über die staatliche Rundfunkregulierung.

Unter dem Begriff "Community-Medien" werden nicht-kommerzielle Radio- und Fernsehsender - sogenannte Offene Kanäle - zusammengefasst. Bei der Gründung dieser Medien spielte politischer Aktivismus eine große Rolle. An der Wand gegenüber dem Eingang hängen Bilder, Protokolle aus den ersten Sitzungen und eine Stricherl-Liste, die die Abstimmung über den Namen des Radios dokumentiert. Susanne Jäger erzählt, wie in den Anfängen als Piratenradio unter anderem vom Dach der Universität aus gesendet wurde. Durch Störfunk wollten Aktivisten das Rundfunkmonopol des ORF brechen. Inzwischen hat sich das einst rebellische Radio institutionalisiert und benützt eine Sendeanlage am Donauturm. Wichtiger Bestandteil des Programms sind aktivistisch motivierte Sendungen immer noch. So zum Beispiel das Tierrechtsradio, wo während der On-Air-Zeit auch Hund "Pezi" im Studio herumspaziert. In diesem Fall wird das Radio zum Sprachrohr für die Radiomacher und deren politische Interessen. Man will nicht den Anspruch von Objektivität erfüllen, sondern "Meinungsvielfalt abbilden", sagt die frischgebackene Geschäftsführerin Ulli Weish. Seit Juni ist sie dabei, das Zukunftskonzept für das bald 20-jährige Radio Orange zu entwickeln. Teil dieses Konzepts könnte das Etablieren eines alternativen Nachrichtendienstes sein. Ein Projekt, das bisher immer wieder gescheitert sei.

Inzwischen ist es Mittag. Live-Studio, Vorprogrammierstudio, Versammlungsraum und Küche - überall sind jetzt Menschen zugange. Die Eingangstür steht offen, es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Kaum ist der Schluss-Jingle der einen Sendung zu hören, übernimmt innerhalb von zwei Minuten die nächste Redaktion das Steuer - beziehungsweise den Regler. Das Pensionisten-Team Hans, Willy und Rudi produziert "Swing Time", das "Radio im besten Alter", in dem sie vergessene Schätze ausgraben und mit ihren Hörern teilen. "Das ist für mich ein Jungbrunnen", sagt der eine, während seine Kollegen am Mischpult hantieren und beschwingt zur Musik wippen.

Pensionisten und Studierende machen den Großteil der Ehrenamtlichen aus, weil sie am wenigsten im Zeit-Geld-Dilemma feststecken. "Man kann Ehrenamt natürlich nicht als etwas Dauerhaftes erwarten", erklärt Weish, "Schubhaftigkeit gehört dazu."

Zum Verhältnis zu anderen Informationsmedien meint die Geschäftsführerin, dass "allein durch die Logik der Zeitkonkurrenz" Rivalität bestehe. "Werte, die im Mainstream zu kurz kommen", sollen durch Radio Orange verstärkt werden, sagt Weish. Als Beispiel nennt sie die Protestberichterstattung, Alternativdebatten und eine Bandbreite von Feminismen.

Etliche Journalisten, die heute beim ORF arbeiten, haben ihre ersten Schritte bei Radio Orange gemacht. Weish, die selbst mit 17 Jahren im ORF begonnen hat, schätzt Radio als "schnelles, emotionales Nebenbei-Medium". Klar ist allerdings, dass mit Zunahme der Bedeutung des Internets das konventionelle Radio immer unwichtiger geworden ist. Wer hört da dann eigentlich zu? "Das ist relativ irrelevant", sind sich alle einig. Aber auch, dass es trotzdem guttut, hin und wieder Hörer-Feedback zu erhalten und zu wissen, dass es nicht ausschließlich um das eigene Vergnügen geht.