Wien. Es war irgendwann in den frühen 90er Jahren und für die Techno-Optimisten war eine paradiesische Epoche angebrochen: Das World Wide Web war ein Versprechen eines gigantischen Online-Wissensspeichers, eine postmoderne Version der antiken Bibliothek von Alexandria, das Internet Traum der Vernetzung aller Bürgerinnen und Bürger der Telepolis, herrschaftsfreier Diskurs inklusive. Die Zukunft - eine utopische Verheißung unbegrenzter Möglichkeiten.

In Wien trafen sich die Visionäre 1993 bei der ersten "Global Village"-Konferenz, um über die Zukunft einer vernetzten Welt des Wissens zu diskutieren, im selben Jahr war in den USA das höchst einflussreiche Technologie- und Netzkultur-Magazin "Wired" aus der Taufe gehoben worden. Einer der Evangelisten der ersten Internet-besessenen Alterskohorte, der Generation X, Douglas Rushkoff, pries die positive und egalitäre Entwicklung, Information sei nicht mehr länger Herrschaftswissen, sondern jeder, der Zugang zu einem Computer hat, wäre nun in der Lage, sich Zugang zu Information zu verschaffen. Es war die Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat.

Aber irgendwann ist der Traum vom Internet, der Infrastruktur der offenen Gesellschaft zerplatzt. Nicht plötzlich, mit einem lauten Knall, sondern eher schleichend, und wimmernd. Am Ende hatten vielleicht doch die Cyberpunks recht, die im Internet eine düstere, dystopische Realität sahen und nicht die Techno-Idealisten, die von der digitalen Demokratie träumten.

Heute ist das Internet vor allem der Spielplatz einer neuen Klasse von Netz-Oligarchen wie Jeff Bezos von Amazon, Mark Zuckerberg (Facebook) oder Sergei Brin und Larry Page (Google). Aus dem globalen Marktplatz der Ideen und der Telepolis, auf der die Bürgerinnen und Bürger sich zusammenfinden und in einer neuen Art der "liquid democracy" ihre Interessen wahren und vom Konflikt zur Kooperation finden, ist nix geworden. Anstatt eines lebhaften Diskurses, in dem die Userinnen und User respektvoll miteinander umgehen, diskutiert man heute über Cyberbullying und Hass im Netz.

Diktatoren und Möchtegern-Autokraten verstehen soziale Medien als den digitalen Feldherrnhügel von dem aus sie ihre Botschaften verkünden, Interesse an Debatte und gleichberechtigter Kommunikation ist diesen Populisten fremd. Twitter ist für Leute wie Donald Trump und Co. nichts anderes als ein Verlautbarungsmedium, Dissens gilt für diese Sorte Politiker als "Fake News".

In der Hand der Konzerne

Zudem ist das Netz fest in der Hand globaler Medienkonzerne: In den USA macht der Videodienst Netflix 35,2 Prozent des gesamten Internet-Traffics aus, insgesamt gehen 71 Prozent aller übers Netz übermittelten Daten auf Audio- und Videostreaming zurück.

All das ist für Greenpeace Grund genug, die Bewegung für Frieden und Demokratie im Internet ins Leben zu rufen.

"Hass im Netz, Fake News wie etwa die Leugnung des Klimawandels und Algorithmen, die dazu führen, dass Menschen nur noch in ihrem eigenen Weltbild bestätigt werden: All das schadet Frieden und Demokratie - und damit auch dem Anliegen des Umweltschutzes. Gleichzeitig wird unsere digitale Welt zusehends von Facebook, Google und Co. bestimmt. "Wir wollen die Macht dieser US-Konzerne brechen und eine europäische digitale Identität schaffen", erklärt Greenpeace-Geschäftsführer Alexander Egit und betont: "Wir brauchen ein Internet der Mitbestimmung, das nach demokratischen Spielregeln gestaltet ist. Die Übermacht der US-Digitalkonzerne ist aber auch eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Europa, da innovative Startups und Klein- oder Mittelunternehmen entweder dank krasser Wettbewerbsnachteile keine Chance haben oder rasch aufgekauft werden und abwandern." Bis 4. September will die Umwelt-Organisation Greenpeace gemeinsam mit der netzpolitischen Organisation epicenter.works eine neue Internet-Bewegung, der sich jeder und jede online anschließen kann, aufbauen.

Die Ziele der Bewegung sind breit gestreut: Es geht um ein Verbot von Cyberwaffen oder staatlicher Spionagesoftware zu Überwachungszwecken ebenso wie um ein härteres Vorgehen gegen die Verbreitung von Hassbotschaften im Netz und Fake News, aber auch um das Schließen von Steuerschlupflöchern für Facebook, Google & Co. Greenpeace-Geschäftsführer Alexander Egit sieht nichts weniger als die Demokratie bedroht, wenn die digitale Sphäre von wenigen Konzernen dominiert wird. Greenpeace will im laufenden Wahlkampf in Österreich die wahlwerbenden Parteien für die Unterstützung dieser Anliegen gewinnen.