• vom 05.09.2017, 17:07 Uhr

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Update: 05.09.2017, 21:39 Uhr

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Von Bernhard Baumgartner

  • "Reclams Universal Bibliothek" wird 150 Jahre alt. Wie eine Urheberrechtsänderung die Literatur demokratisierte.



Liebe und Hass liegen oft nahe beieinander. Im Bücherregal zum Beispiel. Während bei der ewigen Liebesgeschichte von "Romeo und Julia" geschmachtet wird, dass kein Taschentuch trocken bliebt, kann man gleich nebenan bei "Nora oder ein Puppenheim" in die Abgründe der Ehehölle starren. Gemein ist den beiden Stücken Weltliteratur, dass sie in dünne Heftchen passen, versehen mit dem typischen gelben Umschlag und idealerweise Gebrauchsspuren, die auf eine Konsumation der Literatur verweisen.

Denn ein Reclam-Heftchen um oft weniger als drei Euro kauft man sich nicht, um es sich stolz ins Regal zu stellen. Es ist nicht wie ein Hardcover mit schwerem Ledereinband und Goldprägung, das auf dem Kaminregal auf einen kühlen Herbstabend wartet, bis man es mit einem Glas Bordeaux genießt. Es ist auch nicht der Ausweis des Intellektuellen, den man stets in der Sakkotasche mitführt, wenn einen im Kaffeehaus die Lust auf Literatur befällt. Denn für das Gesehen-Werden muss es doch schon mindestens ein Suhrkamp-Bändchen sein!


Die Wahrheit ist oft profaner: Viele kaufen es, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Weil der Text für Schule, Universität oder sonstige Bildungsmaßnahmen benötigt wird und es immer noch praktischer (und billiger) ist, das Heft zu kaufen als den Text selbst auszudrucken. Das ist sozusagen der pragmatische Zugang zu "Reclams Universal Bibliothek", deren erstes Heft - es war übrigens "Faust" von Goethe - heuer vor 150 Jahren erschien. 2017 weiß übrigens niemand mehr ganz genau, wie viele verschiedene Bände seit damals erschienen sind. Es müssen mehr als 10.000 verschiedene sein.

Wie so oft steht am Beginn einer Erfolgsgeschichte eine Gesetzesänderung. Am 9. November 1867 entschied die deutsche Bundesversammlung eine entscheidende Einschränkung des Urheberrechts: Werke wurden demnach 30 Jahre nach dem Tod des Verfassers gemeinfrei, konnten also ohne Tantiemen genutzt werden. Das war eine Initialzündung, wurden doch plötzlich Autoren, die vor 1837 verstorben waren - wie Goethe oder Schiller - für Verleger kostenfrei druckbar. Was folgte, war eine wahre Explosion an Nachdrucken, zuerst an deutschen Klassikern, dann auch der Antike oder Übersetzungen aus anderen Sprachen.

Dem chronisch aufmüpfigen Verleger Anton Philipp Reclam (1807-1896) kam das gerade recht. Er war in jungen Jahren ein Exponent des Vormärz gewesen und hatte aus Sicht der Obrigkeit allzu viel aufrührerische Literatur gedruckt, wofür er im Zuge der gescheiterten Unruhen von 1848 sogar ins Gefängnis geworfen wurde. Nun sah der Freimaurer eine Chance auf ein gutes Geschäft und eine Möglichkeit, seine schleppend gehende Druckerei auszulasten. Statt Pamphleten wurde jetzt Weltliteratur gedruckt. "Eine Sammlung von Einzelausgaben allgemein beliebter Werke, die in regelmäßiger Folge erscheinen sollen, wobei aber nicht daran gedacht ist, Werke, denen das Prädikat ,klassisch‘ nicht zukommt, die aber nichtsdestoweniger sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen, aus der Sammlung auszuschließen" - so kompliziert und doch so einleuchtend beschrieb Reclam in einer zeitgenössischen Werbung seine "Universal Bibliothek", übrigens die älteste noch erscheinende Buchreihe der Welt.

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Schlagwörter

Medien, Buch, Literatur, Reclam

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-05 17:12:05
Letzte Änderung am 2017-09-05 21:39:06


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