• vom 25.09.2017, 16:14 Uhr

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Update: 26.09.2017, 14:06 Uhr

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Schwere Sprachunfälle




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Von Adrian Lobe

  • Computer spielen besser Schach, Go und Poker als der Mensch, doch wenn es ums Übersetzen geht, hinken künstliche Intelligenzen zurück. Wie kann das sein?

Übersetzung ist eine harte Nuss für die künstliche Intelligenz. - © Getty

Übersetzung ist eine harte Nuss für die künstliche Intelligenz. © Getty

Wien. "Herrlich, plump Buck Mulligan kam aus dem Treppenhaus, Mit einer Schüssel Schaum, auf dem ein Spiegel und ein Rasiermesser lag Gekreuzt." Dieser erste Satz des Romans "Ulysses" von James Joyce ist eigentlich Weltliteratur. Doch was Google Translate in der deutschen Übersetzung daraus macht, hat mit Literatur nicht mehr viel gemein und kommt einer Verhunzung der deutschen Sprache gleich. Eigentlich müsste der Satz heißen: "Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen."

Zugegeben: Joyces 987 Seiten umfassendes Monumentalwerk ist auch für menschliche Übersetzer keine leichte Kost. In der Joyce-Rezeption gibt es Streit, ob man lautmalerische Tendenzen etwa bei dem Satz "Pigeons roocoocooed" mit "Tauben giiiirrrrten" oder "wo Tauben ruckedieguh machten" übersetzt. Trotzdem ist die Unbrauchbarkeit der maschinellen Übersetzung offenkundig. Auch der Romanbeginn von Günter Grass’ "Der Butt" ("Ilsebill salzte nach"), der 2007 von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen zum schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur gekürt wurde, ergibt in der englischen Übersetzung in Google keinen Sinn. Lapidar heißt es: "Ilsebill salty." Ilsebill salzig. Die literarische Qualität scheint im Räderwerk der Maschinen zerrieben zu werden. Es ist schon erstaunlich: Computer spielen besser Schach, Go und Poker als der Mensch, doch wenn es ums Übersetzen geht, hinken künstliche Intelligenzen hinterher. Wie kann das sein?


Die deutsche Sprache ist - trotz zahlreicher Ausnahmen - ein logisches System, das bestimmten syntaktischen und grammatikalischen Regeln gehorcht. Subjekt, Prädikat, Objekt, das sind die klaren Leitplanken für die Satzbildung. Und alles, was logisch ist, kann programmiert werden. Zumindest theoretisch. Computerprogramme ("Roboterjournalisten"), die in Zeitungsredaktionen wie der "Los Angeles Times" zum Einsatz kommen, bauen Daten in vorgefertigte Textschablonen (sogenannte Templates) und basteln daraus druckreife Artikel. Also müsste ein Übersetzungsdienst eigentlich unfallfrei Sätze bilden können.

Sprache zu komplex
Der Informatiker Boris Katz, der die InfoLab Group am MIT Computer Science and Artificial Intelligence Laboratory leitet und mit seiner Forschung zur Entwicklung von Apples Sprachsteuerung Siri beitrug, sagt im Gespräch: "Ich denke nicht, dass die menschliche Sprache einfach programmiert werden kann. Sprache ist unendlich komplexer als Spiele wie Schach, Go oder Poker, weil es offen ist, mit unbestimmtem Ende. Wir kreieren ständig neue Wörter und Ausdrucksformen, sogar neue syntaktische Konstruktionen, und jeder von uns hat die Fähigkeit, einfach einen Satz zu bilden, den noch nie jemand zuvor gehört oder gelesen hat."

Die gegenwärtigen KI-Techniken seien nur dazu geeignet, Strukturen und Muster in Datensätzen zu identifizieren, ohne zu verstehen, was diese Daten eigentlich aussagen. "Diese Systeme funktionieren, indem sie große Mengen an Trainingsdaten analysieren, zum Beispiel Satzpaare auf Englisch und Deutsch zusammenzufügen", erklärt Katz. "Nach der Trainingsphase wird das KI-System versuchen, zu generalisieren, was es gelernt hat, um die Übersetzungsaufgabe anhand von neuen Beispielen durchzuführen." Google Translate würde einen "ordentlichen Job" bei geläufigen Sätzen machen, aber schlecht bei Äußerungsformen abschneiden, die sich von dem unterscheiden, was das System zuvor gesehen hat.

Offensichtlich wurde Googles Übersetzungsdienst noch nicht mit den Romanen von James Joyce "gefüttert". Programmiersprachen heißen zwar auch "Sprachen", sind aber technische Systeme zur Formulierung von Anweisungen. Menschliche Sprache ist eine Technik, die zur Formulierung von Meinungen, Ansichten und normativen Aussagen eingesetzt wird. Zwar wird der menschliche Duktus durch vorgefertigte Antwortbausteine in Chatprogrammen und Emojis zunehmend formelhafter (der Soziologe Niklas Luhmann nannte dies formschön "Lingua blablativa") und damit leichter zu übersetzen, doch vermag eine Maschine noch keine Semantik in Sätzen zu erkennen.

"Die derzeit entwickelten Übersetzungsprogramme haben keinen Sinn und kein Verständnis dafür, was die Dinge bedeuten", konstatiert Katz. "Es wird lange dauern, bis diese Systeme englischsprachige Literatur auf Deutsch in einer zufriedenstellenden Weise übersetzen können." Bis es so weit ist, muss man noch die Übersetzung zur Hand nehmen. Übersetzer müssen sich keine Sorge haben, dass Maschinen ihre Jobs wegnehmen.




Schlagwörter

Medien, Google, Übersetzung

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-25 16:21:06
Letzte nderung am 2017-09-26 14:06:04



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