Wien. Das Feedback ließ nicht lange auf sich warten. Als sich herumgesprochen hatte, dass Ö1 seit Sonntag neue Signations hat, gab es auf Twitter kein Halten mehr: Von "Lärm ohne Wiedererkennungswert" wurde gesprochen, sie seien "durch die Bank zu lang", ein "dissonanter Orchesterklang" und zudem "nicht prägnant" und überhaupt der "größte Skandal des Tages". Einer bringt das Gefühl des gemeinen Radiohörers treffend auf den Punkt: "Warum bitte? Es sind nämlich diese kleinen Dinge, die das Leben so schrecklich machen."

Also besonderer Hörgenuss gehen die neuen Signations von Christian Muthspiel offenbar nach überwiegender Meinung des Publikums nicht durch. Tatsächlich sind etliche davon eher schwer verdaulich, wenig melodisch und bürsten den Durchschnittshörer gewaltig gegen den Strich. Die Signation des "Mittagsjourmals" etwa klingt - pars pro toto - ein wenig, wie wenn das Musical-Orchester der Vereinigten Bühnen die Instrumente stimmt. In den "Spielräumen" wiederum wähnt man sich bei einer Zirkuskapelle, die nach dem vierten Vierterl schon recht fidel aufgeigt.

Beim ORF gibt man sich auf Nachfrage entspannt: "Die Reaktion ist im Bereich des Erwartbaren", heißt es bei Ö1. 30 Hörer-Beschwerden pro Tage hatte man zuletzt, wobei nicht alle Wortmeldungen negativ seien, wird betont. Das sei - so wird versichert - "vergleichsweise wenig" wenn man die Dimension der Veränderung in Betracht ziehe.

Tatsächlich ist ein neues Sound-Design mit komplettem Austausch aller Signations so ziemlich die Maximal-Variante, die man bei einem Sender machen kann. Kombiniert noch mit einem neuen Programmschema und dem neuen Logo, das schon vor Monaten präsentiert wurde, kann man gut verstehen, dass einige Hörer denken, dass sie sich am Sender-Knopf verdrückt haben müssen. Die vielen Veränderungen auf einmal gingen auf den neuen Senderchef Peter Klein zurück, heißt es im Funkhaus. Dieser, soeben von ORF-Chef Alexander Wrabetz offiziell bestellt, wolle "sich ein Denkmal setze", mutmaßt man in der Ö1-Redaktion.

Branchenüblich ist so viel Veränderung auf einmal jedenfalls nicht, berichten Radio-Experten im vertraulichen Gespräch. Viel eher setze man in der Regel auf kontinuierliche Veränderung in kleinen Schritten, um die Hörer nicht zu verprellen.

Der Radio-Hörer an sich hasst nämlich Veränderungen an seinen Lieblingssendern. Das liegt an der Unmittelbarkeit des Mediums. Das Gehör ist der einzige Sinn, den wir nicht bewusst abschalten können, daher reagieren wir sensibel darauf, wenn jemand für uns definieren will, was wir zu hören haben. Natürlich: Jedes Radio hat einen Ausschaltknopf aber das ist ja nicht der Sinn der Sache bei einer Veränderung.

Der Hörer stellt Ansprüche

Faktum ist auch, dass sich viele Radiohörer übermäßig stark mit ihrem Lieblingssender identifizieren und diesen auch - natürlich in völliger Verkennung der Faktenlage - als "ihren" Sender sehen. Daher sehen sie es als Affront, wenn sich jemand in lieb gewonnene Hörgewohnheiten einmischt. Sei es die Trennung von beliebten Moderatoren, das Absetzen einer Sendung oder eine noch größere Reform. Hier empfiehlt es sich, Umsicht zu zeigen und hektische Aktivitäten zu vermeiden. Nicht wenige Radiosender haben sich bei Umbau-Projekten gegen die Hörgewohnheiten über Nacht in einem Shitstorm wiedergefunden. Und es ist nicht nur einmal passiert, dass die Hörerproteste so stark wurden, dass man letztlich zurückrudern musste.

Das ist jedoch bei Ö1 unwahrscheinlich. Alleine deshalb, weil es für den Ö1-Hörer sowieso keine Alternative gibt. Dennoch gab es bei Ö1 bei so gut wie jeder Veränderung massive Proteste. Und die vor 23 Jahren eingeführten Signations von Werner Pirchner mit dem längst zur Marke avancierten Dreiklang wurden damals ebenso leidenschaftlich gehasst. Vielleicht ändert sich das in den kommenden 20 Jahren mit den neuen Signations genauso.